Behinderte Menschen ohne Unterstützung bei Jobsuche

Keine Finanzierung: Göttinger Modellprojekt "Mittendrin" endet nach drei Jahren

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„Mittendrin“: (von links) Lorenz Böning und Susanne Sohns (beide Arbeitsagentur Göttingen) sowie Projektleiterin Barbara Jahns-Hasselmann und Christian Schmelcher, Vorstand der Beschäftigungsförderung, arbeiteten eng zusammen.

Göttingen. Um arbeitslosen Schwerbehinderten den Weg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, gab es das Modellprojekt „Mittendrin“. Jetzt kann das Angebot nur noch auf Sparflamme laufen, weil es keine Anschlussfinanzierung gibt.

In dieser Woche verabschiedeten sich die Berater von den Teilnehmern des Modellprojekts, das drei Jahre lang erfolgreich lief. Das drückt sich auch in den Zahlen aus: 268 Schwerbehinderte aus dem Landkreis Göttingen wurden von den Mitarbeitern im Projekt „Mittendrin“ betreut. 149 (55,6 Prozent) von ihnen wurden erfolgreich in Arbeit vermittelt, davon haben 59 sogar einen Vollzeit-Job gefunden. Mit diesem Erfolg hatten Initiatoren von Arbeitsagentur und Beschäftigungsförderung Göttingen so nicht gerechnet. Sie waren von 210 Teilnehmer und 63 Integrationen in den Arbeitsmarkt ausgegangen. 

Für das Projekt standen insgesamt 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, 500.000 Euro pro Jahr. Die Finanzierung übernahm das Bundesarbeitsministerium. Bis zuletzt hatten die Verantwortlichen von der Beschäftigungsförderung Göttingen darauf gehofft, dass das benötigte Geld doch noch bewilligt wird. Doch das trat nicht ein. Deshalb haben viele, der fast ein Dutzend Mitarbeiter, das Projekt inzwischen verlassen. Die Ausgeschiedenen haben aber bereits Arbeitsstellen gefunden.

Weiterhin betreut werden können arbeitslose Behinderte, die weniger als ein Jahr ohne Beschäftigung sind. Schwerbehinderte, die länger beschäftigungslos sind, bekommen zunächst keine besondere Unterstützung bei ihrer Suche nach einem Arbeitsplatz. 

Übrigens: Etwa als jeder 20. Arbeitslose im Landkreis Göttingen ist ein Schwerbehinderter. In Zahlen bedeutet das: 551 der 10 096 Arbeitslosen (5,5 Prozent) haben diesen Status. Und zwei von drei Betroffenen sind Langzeitarbeitslose mit Behinderungen.

Drei Jahre Hilfe beim Weg in den neuen Job

Drei Jahre lang bekamen schwerbehinderte Arbeitslose Unterstützung bei ihrem Weg in einen Job.

Bei dem Projekt „Mittendrin“ arbeiteten die Verantwortlichen der Beschäftigungsförderung Göttingen, der Göttinger Agentur für Arbeit sowie Stadt und Landkreis Göttingen eng zusammen. Finanziert wurde das Projekt vom Bundesarbeitsministerium.

Von der Arbeit profitierte Linus Müthing (35) aus Göttingen. Er nutzte die Möglichkeiten des Projekts seit Januar 2017 für sechs insgesamt Monate. „Ich habe ein sehr gutes Coaching für die Jobsuchenden bekommen“, sagt der Göttinger.

Er hat inzwischen beim Landkreis Göttingen eine Beschäftigung gefunden und arbeitet seit Anfang 2018 als Berater für Behinderten der Unabhängigen Teilhabeberatung des Landkreises. „Ohne das Projekt Mittendrin hätte ich die Beschäftigung beim Landkreis nie bekommen“, sagt der 35-Jährige.

Er berät jetzt Schwerbehinderten im Rahmen des neuen Bundesteilhabegesetzes und unterstützt sie dabei, mit Schwerbehinderungen den Alltag leichter bewältigen können. „Ich zeige den Schwerbehinderten auf, welche Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten es gibt“, sagt der gelernte Bürokaufmann, der seit der Geburt auf den Rollstuhl angewiesen ist. (bsc)

Kontakt: Projekt „Mittendrin – Integration von schwerbehinderten Menschen“, Levinstraße 1, 37079 Göttingen, Tel. 0551/400-3039.

www.mittendrin.jetzt

Professionelle Unterstützung

Beim Projekt „Mittendrin“ bekamen die schwerbehinderten Arbeitslosen in den Beratungsstellen in Göttingen, Hann. Münden, Duderstadt und Osterode professionelle Unterstützung bei ihrem Weg in eine Beschäftigung. 

Dazu gehörte das Bewerbungsmanagement mit Vorstellungstraining. Außerdem gab es Workshops für Computertraining, Entspannung und Gesundheit, Stressbewältigung, Stärkung des Selbstgefühls und Zeitmanagement. Um die Kontaktaufnahme mit Arbeitgebern zu erleichtern, baute die Berufsförderung Göttingen ein Netzwerk auf. Außerdem wurden die Betroffenen auch nach ihrem Start in den Betrieben begleitet.

Bitte nicht sparen 

Bernd Schlegel über das Projekt „Mittendrin“

Keine Frage: Das Projekt „Mittendrin“ ist ein Erfolg Das zeigen die Zahlen des dreijährigen Angebots für Schwerbehinderte. Jetzt wird das Projekt wegen Geldmangels praktisch gestrichen. 

Das ist eindeutig das falsche Signal der Politik, denn die Statistiken zeigen, dass mit dem Projekt vielen Betroffenen eine Zukunft auf dem ersten Arbeitsmarkt geebnet wird. Doch damit ist es wohl vorbei. Die Folgen sind aber noch gravierender: Viele der eingearbeiteten Projekt-Mitarbeiter sind bereits weg. Sollte jetzt doch Geld für die Weiterführung kommen, entstehen zwei Probleme. Erstens wird es schwierig sein, überhaupt geeignetes Personal für „Mittendrin“ zu finden, denn der Markt bei den Sozialpädagogen ist leergefischt. 

Zudem müssen sich neue Projekt-Mitarbeiter erst in die besonderen Probleme von arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung einarbeiten, bevor sie sinnvoll wirken können. Damit sind locker sechs Monate vorbei, bis die ersten erfolgreichen Vermittlungen über die Bühne sind. Aber: Zuerst muss Geld für „Mittendrin“ her.

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