Geschichte über eine Hassliebe

Kernkraftwerk Grohnde: In der Neujahrsnacht kommt das Aus für den Weltrekordler

Die Rauchfahnen werden am 31. Dezember verschwinden: Das Kernkraftwerk Grohnde wird zum Jahresende abgeschaltet. Das Projekt war von Beginn an umstritten und umkämpft. Die „Schlacht um Grohnde“ gehört fest in die Nachkriegshistorie der Region Weserbergland.
+
Die Rauchfahnen werden am 31. Dezember verschwinden: Das Kernkraftwerk Grohnde wird zum Jahresende abgeschaltet. Das Projekt war von Beginn an umstritten und umkämpft. Die „Schlacht um Grohnde“ gehört fest in die Nachkriegshistorie der Region Weserbergland.

In der Neujahrsnacht wird das Atomkraftwerk Grohnde im Weserbergland abgeschaltet. Wir erinnern an eine Geschichte über eine Hassliebe.

Grohnde – Die 70er-Jahre: Die PreußenElektra überschüttet die Schulen mit Info-Material zu den schier unerschöpflichen Möglichkeiten der Kernkraft – von tödlicher Strahlung und Entsorgungsproblemen keine Rede. Der Kernkraftwerksbetreiber ist spendabel: Fußballklubs in Hameln und Umgebung freuten sich über Trikotsätze, laufen mit dem Atom-Logo auf. Viele neue Arbeitsplätze, ein Hallenbad, Straßen werden versprochen.

Das wirkt. Bedenken bei Anwohnern und Politikern schwinden. Aber nicht bei allen: Tausende engagieren sich in Initiativen gegen den Bau. Einige kämpfen auch mit harten Bandagen. Und sie werden bekämpft, von teils brutal vorgehenden Polizisten. 31. Dezember 2021: Nach 37 Betriebsjahren ist Schluss für das AKW Grohnde, was gefeiert und bedauert wird.

Für die AKW-Gegner läuft der Countdown. Sie sehnen das Abschalten des Atommeilers herbei. „Wir werden uns ab 23 Uhr vor dem Tor treffen und laut herunterzählen“, sagt Peter Dickel von der „Regionalkonferenz Grohnde abschalten“. Um Punkt zwölf soll angestoßen werden, aber „ohne Alkohol und corona-konform“.

Im Kraftwerk aber wird nicht gefeiert. „Für uns Kraftwerker ist das ein trauriger Moment“, sagt Betriebsleiter Michael Bongartz, „denn die Anlage ist in einem sehr guten Zustand“. Und er fügt an: „Wir haben unseren Auftrag, für eine sichere und verlässliche Stromversorgung zu sorgen, mit großer Leidenschaft erfüllt.“ Eine Aufgabe, die nun andere übernehmen müssten. Gleich hintendran, auf den Feldern jenseits der Weser, deren Wasser über fast vier Jahrzehnte die Kühltürme speiste, steht die Zukunft: Windkraftanlagen.

„Grohnde“ lief trotz einiger Sicherheitsabschaltungen zuverlässig, betont Bongartz. Es sorgte 2020 für einen Rekord mit der Erzeugung der 400-milliardsten Kilowattstunde. So viel Strom produzierte kein Kernkraftwerk-Block der Welt. Seit dem Anschalten am 5. September 1984 sei der Reaktor acht Mal Weltmeister bei der Jahresstromerzeugung gewesen.

Die Atomkraftgegner haben für derlei Jubel-Statistiken nichts übrig. Sie machen eine andere Rechnung auf: Seit Inbetriebnahme habe es im Atommeiler „rekordverdächtige 262 meldepflichtige Ereignisse gegeben“, so Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. 1985 habe gar das Hochdruck-Notkühlsystem nicht funktioniert. Ein Leck im Primärkreislauf hätte laut BUND „zur Kernschmelze und so zum Super-GAU führen können“.

Besonders die Bewohner von Grohnde, Latferde, Kirchohsen und Hagenohsen schauen beim Vorbeifahren auch mit Sorge auf die Beton-Kuppel des Reaktorgebäudes. Manche fürchten in Zeiten des Kalten Krieges und des Terrorismus Angriffe und Anschläge von außen. 2015 beantragen sie beim Land die vorzeitige Abschaltung.

Andererseits finden viele Menschen Arbeit am und im Kraftwerk, so Handwerker, Techniker, Zulieferer. Während der Bauzeit sind freie Fremdenzimmer rar. So mancher Hausbesitzer richtet Zimmer für die Arbeiterkolonnen extra ein. Das Vermieten ist ein nettes Zubrot.

Die Arbeiter quittieren die Proteste gegen das Projekt oft kopfschüttelnd, bringt das ihnen doch Arbeit „auf Montage“, fern der Heimat, und somit gutes Geld. Die Widerständler aber sind einfallsreich: Es gibt Geländebesetzungen, ein Anti-Atom-Dorf wächst auf dem Bauplatz der Kühltürme. Dort lebt auch ein Dorfschwein namens „Genscher“. Vieles läuft friedlich ab, steht im Kontext zur Demo-Welle in Deutschland, so gegen die AKW´s in Brokdorf und Wyhl. Grohnde macht im Vergleich dazu wenig Schlagzeilen.

Das ändert sich: Das zur Festung ausgebaute AKW-Gelände wollen Demonstranten – viele auch mit Brokdorf-Erfahrung – gewaltsam stürmen, was viele friedliche Gruppen unter den 15 000 nicht gutheißen. Am 19. März 1977, bei der „Schlacht um Grohnde“, geraten auch sie zwischen die Fronten. Polizisten reiten rücksichtslos in die Menge, prügeln mit Langstöcken auch auf friedliche, junge wie alte Demonstranten ein. Es ist die so nie erlebte Eskalation der Gewalt. Es gibt 800 Verletzte! Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) kreist in einem Hubschrauber über dem Feld, spricht von „nackter Gewalt und Brutalität“ und im Feldherrenton vom „endgültigen Zerschlagen“ des Widerstandes, wie Bernhard Gelderblom in dem Buch „Schlacht um Grohnde“ schreibt. Die Polizei gewinnt. Das AKW Grohnde wird gebaut. Zurück bleiben Menschen, die den Glauben an die Polizei als „Freund und Helfer“ verloren haben.

Gewalt-Eskalation: 12 000 Kernkraftgegner demonstrierten am 19. März 1977 meist friedlich gegen den Bau des AKW Grohnde. Aber radikale Demonstranten versuchten, das Gelände gewaltsam zu stürmen.

Am 31. Dezember 2021 wird also der Reaktor heruntergefahren. Der Rückbau wird Jahrzehnte dauern, viele Arbeitskräfte beschäftigen. Umweltminister Olaf Lies (SPD) indes würde sich freuen, wenn sich die AKW-Gegner in der Silvesternacht nicht nur zum Beifallklatschen kämen, „sondern wir danach gemeinsam für die Errichtung von gut 1500 Windkraftanlagen kämpfen“. So viele seien notwendig, um die vom KKW Grohnde produzierte Strommenge zu ersetzen.

Die Atomkraftgegner von gestern könnten heute Verbündete beim Engagement für erneuerbare Energien sein. Das wäre der Traum von Olaf Lies, der Angst vor dem Hineinrennen in eine „Stromlücke“ hat. (Thomas Kopietz/Reimar Paul)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.