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Kim de l‘Horizon liest in Göttingen: Schmerzhafte Ich-Findung in „Blutbuch“

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Von: Ute Lawrenz

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Kim de l'Horizon (links) mit Moderator Stephan Lohr im Alten Rathaus.
Gelungener Auftakt des Göttinger Literaturherbstes: Kim de l"Horizon (links) mit Moderator Stephan Lohr im Alten Rathaus. © Ute Lawrenz

Der Göttinger Literaturherbst hat begonnen. Zum Auftakt liest Buchpreis-Träger Kim de l‘Horizon aus „Blutbuch“ im Alten Rathaus in Göttingen.

Göttingen – Mit „Blutbuch“ hat Kim de l’Horizon den Deutschen Buchpreis 2022 gewonnen. Im ausverkauften Göttinger Alten Rathaus gewann der sympathische junge Mensch außerdem die Herzen derer, die zur Eröffnung des Göttinger Literaturherbstes gekommen waren.

„Was für ein Roman, was für ein Mensch“, zeigt sich Literaturjournalist Stephan Lohr aus dem Organisationsteam des Festivals begeistert über die Geschichte zur Ich-Findung einer nicht-binären Figur.

Göttinger Literaturherbst: „Blutbuch“ thematisiert die Ich-Findung eines non-binären Menschen

Seit acht Jahren präsentiere der Literaturherbst zum Auftakt des Festivals den Autor, die Autorin oder die nicht-binäre Autorenperson, die den Deutschen Buchpreis gewonnen habe. „Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman "Blutbuch" nach einer eigenen Sprache“, liest Lohr aus der Begründung der Jury für den Buchpreis vor.

„Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht?“ Fixpunkt der Erzählung sei die Großmutter, „die ,Großmeer’ im Berndeutschen, in deren Ozean das Kind Kim zu ertrinken drohte und aus dem es sich jetzt schreibend freischwimmt.“ Kim de l’Horizon erklärt die Wörter mit viel (Sprach-)Charme als „vom Französischen eingebernert“.

Bei Bern geboren und aufgewachsen studierte Kim de l’Horizon Germanistik sowie Film- und Theaterwissenschaften in Zürich. Es folgt der Besuch des Literaturinstituts in Biel, eine „Schreibschule“, wie Lohr erklärte. An dem literarischen Debüt „Blutbuch“ hat de l’Horizon nach eigener Auskunft zehn Jahre lang gearbeitet. Der Roman mit seinem Ursprung in der Schweiz ist auch für den Schweizer Buchpreis 2022 nominiert.

Kim de l‘Horizon: Arbeit am literarischen Debüt dauerte zehn Jahre

In Göttingen bekennt Kim de l’Horizon, dass die Schätzung auf die Chance, den Buchpreis zu gewinnen, bei nicht mehr als zehn Prozent gelegen habe. „Deshalb habe ich gesungen. Ich hatte keine Rede vorbereitet.“ Mit der Aktion, sich die Haare abzurasieren, habe sich Kim de l’Horizon für die Frauen im Iran einsetzen wollen. Der Mensch, der sich keinem Geschlecht zuordnet, betont: „Ich will nicht provozieren.“

Für die Lesung ist aus dem Buch in fünf Kapiteln unter anderem eine Passage ausgewählt, in der die Suche nach dem eigenen Ich mit einem eindrücklichen Bild illustriert wird.

Das Kind als Hauptfigur fragt sich, wie es die Entscheidung, ob „Bub oder MEITSCHI“ (Bernerisch für Mädchen) vollziehen solle und sucht nach einer Antwort bei der „Sprachmeer“, erfindet Hexensprüche, mit denen es versucht, sich selbst in Mann oder Frau zu zaubern. Mal spielerisch, mal wie im Versuch, mal sich neu findend wirkt de l’Horizons Sprache.

Seit Gewinn des Deutschen Buchpreises: Anfeindungen und Drohungen gegen Kim de l‘Horizon

Wie ausgeblendet ist es an diesem Abend, dass sich Kim de l’Horizon als non-binäre Person seit der Preisverleihung im Internet bedroht sieht. Auch die Veranstaltungsankündigung der HNA Göttingen wurde auf Facebook zahlreich kritisch kommentiert. Auch dort richteten sich einige Kommentare mit ihrer Kritik nicht gegen inhaltliche Aspekte von „Blutbuch“, sondern gegen de l"Horizon als non-binärer Mensch.

Im Alten Rathaus ist von feindlicher Stimmung nichts zu spüren. Vielmehr genießt das Publikum den sehr bewussten, oft sehr witzigen Umgang mit den Wörtern. Nicht nur am Ende der Lesung nach etwa 75 Minuten spenden die Zuhörer viel Applaus. Gut zu tun hat Kim de l’Horizon beim anschließenden Signieren der Bücher. (zul)

literaturherbst.com

Kim de l’Horizon, Blutbuch. DuMont, Köln 2022. ISBN 978-3-8321-8208-3. 336 Seiten, 24 Euro.

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