Universität kauft Privatsammlung

Kinderbücher und -hefte als Spiegel für bewegte Zeiten

Freut sich über den Kauf der Sammlung und die Arbeit damit: Hartmut Hombrecher von der Abteilung Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur der Universtität Göttingen. Foto: nh

Göttingen. 18.000 Kinder-, Mädchen- und Abenteuerbücher, Zeitschriften und Werbeheftchen bereichern den Fundus der Uni und verschaffen Wissenschaftlern jede Menge Arbeit.

Die Abteilung Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur der Uni hat die Privatsammlung mit 18.000 Titeln erworben. Sie ergänzt die Sammlung der Uni in diesem Bereich entscheidend.

Sigrid Wehner hat die Druckwerke gesammelt. Das Besondere: Sie stammen alle aus der Zeit zwischen 1925 und 1945 und bilden die größte Sammlung aus dieser Zeit in Deutschland.

„Sie sind deshalb wichtige Dokumente, weil sie eine bedeutende Epoche mit massiven Veränderungen von der Weimarer Republik über die Nazi-Herrschaft bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges abbilden“, sagt Hartmut Hombrecher. "Die Sammlung ist für die wissenschaftliche Nutzung prädestiniert". 

Hombrecher ist der Kustos der Sammlung Historischer Kinder- und Jugendliteratur an der Uni Göttingen und freut sich folglich sehr über das neue Material, das seinem Institut und der Abteilung jede Menge Arbeit bereiten wird. „Ja, das ist so, denn die Privatsammlung muss noch erfasst und katalogisiert werden – es war eben eine Privatsammlung“, sagt Hombrecher.

Doch Bücher und Heftchen sollen auf keinen Fall nur in den Archiven verschwinden, wie der Kustos sagt. „Sie soll der Forschung dienen sowie in der Lehre eingesetzt werden“, schildert Hombrecher.

Aufschluss geben könnte die Sammlung auch über die Kindererziehung und Wertevermittlung der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. „Sie spiegelt auch die Veränderungen in Schrift und Sprache wider.“ Fazit: Die Sammlung enthält viel Potenzial für Untersuchungen der Erziehungs-, Geschichts-, Sozial-, Kultur-, Politik- und Kommunikationswissenschaften.

Nach Erwerbsdatum sortiert: Die Uni Göttingen hat eine einmalige Privatsammlung erworben. Foto:  Uni Göttingen/Melissa Ebert/nh

Die Geschichte der Sammlerin ist ebenfalls spannend: Sigrid Wehner war 14 Jahre alt, als sie aus Pommern flüchtete. Ihre Kinderbücher musste sie zurücklassen. In den 1970er-Jahren entdeckte sie eines ihrer ehemaligen Bücher in einem Antiquariatskatalog: „König ist unser Kind“ von Gertrud Caspari und Adolf Holst. Es bildete den Grundstein ihrer Sammlung, die zur Lebensaufgabe wurde und mit der sie die Literatur ihrer Kindheit zusammentragen wollte – wie ein Spiegel der Zeit. „Lesen war immer mein Mittelpunkt.“

Die Sammlung umfasst Bücher aller thematischen Kategorien, auf die Kinder damals zugreifen konnten: von klassischen Mädchenbüchern über Abenteuerbücher, religiöse Geschichten und Schulbücher bis hin zu Heftchen, die man gratis zum Kauf einer Margarine bekam, und nationalsozialistischen Propagandaschriften für das „Deutsche Jungvolk“.

Hartmut Hombrecher jedenfalls bescherte die Sammlung nicht nur qualitativen und quantitativen Zuwachs der Bestände, sondern auch Personal. „Wir haben zusätzliche Mittel bekommen, auch für Personal“, erzählt er. An Langeweile werden die Mitarbeiter nicht zu leiden haben.

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