Kindsmord-Prozess gegen Göttingerin: Jetzt wird nach DDR-Akte gesucht

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Das Landgericht im Justizzentrum in Neuruppin: Hier wird seit dem Frühjahr gegen eine Seniorin, die inzwischen in Göttingen lebt, verhandelt.

Göttingen/Neuruppin. Eine 74-jährige Göttingerin sitzt auf der Anklagebank, weil sie 1974 ihren Sohn umgebracht haben soll. Der Prozess stützt sich nur auf Indizien. Nun wird nach einer DDR-Ermittlungsakte gesucht.

Der Prozess gegen eine Seniorin, die vor 42 Jahren ihren achtjährigen Sohn im brandeburgischen Schwedt getötet haben soll, zieht sich in die Länge. Mit einem Urteil in dem Mordprozess, der sich allein auf Indizien stützt, ist nicht vor September zu rechnen. Auslöser für diese Entwicklung ist eine verschollene Ermittlungsakte aus DDR-Zeiten.

Die Anklage wirft der heute in Göttingen lebenden Mutter vor, ihren schlafenden Sohn nachts in die Küche getragen und dann in die Nähe des Gasherds gelegt zu haben. Er soll Kohlenmonoxid eingeatmet haben. Bislang hat sie die Tat stets abgestritten. Ein Rechtsmediziner hatte vor Gericht auf Grundlagen des Obduktionsberichts von 1974 einen Unfall als Todesursache ausgeschlossen.

Eine Oberstaatsanwältin bestätigte am Donnerstag im Zeugenstand, dass es die Unterlagen geben muss. Vor Jahren hatte die Juristin, die in der Brandenburger Generalstaatsanwaltschaft beschäftigt ist, diese im Zusammenhang mit einem Akteneinsichts-Gesuch in den Händen. Eine „nahe Verwandte der Angeklagten“, vermutlich eine der beiden Töchter, habe sich bei ihr um das Jahr 2007 herum gemeldet und einen Antrag gestellt.

„Sie schrieb, dass sie glaubte, dass ihre Mutter am Tod ihre Bruders Schuld sei und das diese Tat gesühnt werden müsse“, erklärte sie. Die Antragstellerin wollte explizit wissen, warum 1974 die Ermittlungen gegen ihre Mutter eingestellt wurden.

Daraufhin habe sie sich die DDR-Alt-Unterlagen aus dem Archiv der Generalstaatsanwaltschaft kommen lassen, Ablichtungen gefertigt und diese der Antragstellerin zugeschickt, sagte die Juristin. "Ich selbst habe die Akte nicht Blatt für Blatt gelesen", erklärte sie. Weil der Fall aber so "spektakulär und aufwühlend" für sie war, habe sie sich dennoch einiges merken können. „Ich erinnere mich, dass der Achtjährige damals in der Küche war, Gas austrat und dass das Kind nicht aus der Küche kam“, erklärte sie.

Alles abgesucht

Die DDR-Altakte lässt sich nicht im Archiv der Brandenburger Generalstaatsanwaltschaft finden. „Es ist wie verhext. Wir haben alles abgesucht“, sagte die Juristin. Einen Einbruch schloss die 55-Jährige als Ursache aus. „Außerdem werden bei uns auch keine Akten geschreddert. Die Akte muss da sein.“

Der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann erklärte, dass das weitere Vorgehen im Prozess mit der Akte stehe und falle. Er will jetzt „alle Hebel in Bewegung“ setzen lassen und nochmals nach den Unterlagen suchen lassen. Zusätzlich will er die beiden Töchter der Angeklagten nochmals vor Gericht hören, um herauszufinden, welche der beiden Damen damals den Antrag auf Akteneinsicht gestellt hat.

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