Kita-Streik trifft Familien: Wohin mit Collin und Marie?

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Der Streik bringt das Familienleben durcheinander: Täglich muss Erika Siebert die Betreuung von Marie und Collin neu organisieren.

Göttingen. Eltern müssen durch den Kindergarten-Streik seit einigen Wochen improvisieren. Zu den Betroffenen gehören auch Erika und Tobias Siebert aus Göttingen.

Beide Eltern sind berufstätig. Jeden Tag stellt sich nun erneut das Problem, wo Sohn Collin (7) und Tochter Marie (4) bleiben. Collin geht normalerweise nach der Schule in den Hort an der Gartenstraße und wird dort zwischen 13 und 17 Uhr betreut. Doch die Erzieherinnen streiken seit mehr als zwei Wochen. Marie hat einen Ganztagsplatz - ebenfalls in Kindertagesstätte an der Gartenstraße.

„Für Marie gab es an mehreren Tagen eine Notbetreuung. Aber derzeit gibt es die nicht, damit auch andere Eltern mal in den Genuss einer Notgruppe kommen“, berichtet Erika Siebert (37). Die Hortkinder bekommen gar keine Notbetreuung. Das stellt die vierköpfige Familie nun vor Riesenprobleme. Inzwischen muss schon die Oma in Dassel tageweise einspringen und den Nachwuchs betreuen. Mutter Erika, die bei der gesetzlichen Unfallversicherung arbeitet, hat schon drei reguläre Urlaubstage verwendet beziehungsweise verkürzt ihre wöchentliche Arbeitszeit.

Viel Verständnis 

„Mein Arbeitgeber in Hannover hat großes Verständnis, aber das ist auch nicht unbegrenzt.“ Vater Tobias, der in Göttingen arbeitet, kann nicht einfach die Betreuung übernehmen, da sonst der ganze Ablauf in der Firma durcheinander gerät.

Und jetzt kommt noch ein weiteres Ärgernis hinzu: Monatlich zahlt die Familie etwa 600 Euro für Kindergarten- und Krippenplatz. Da es ja keine Leistung gibt und die Sieberts ein Zeichen setzen wollten, haben die Göttinger nun einen Monatsbetrag einbehalten.

„Das ist ja das einzige Druckmittel, das man hat“, sagt Siebert. Die Reaktion kam prompt: Die Stadt Göttingen droht die Kündigung beider Betreuungsplätze an. „Das ist eine Unverschämtheit und einfach nur frech.“ Hintergrund für die Aktion war auch: „Wir waren davon ausgegangen, dass die Stadt so fair ist und ohnehin nicht den vollen Kita-Beitrag fordert.“ Sollte es hart auf hart kommen, wird die Familie wohl zahlen müssen. „Wir können auf die Plätze nicht verzichten.“

Erika Siebert hat volles Verständnis für den Streik der Erzieherinnen und Erzieher: „Sie leisten sehr gute Arbeit. Meine Kinder sind dort super aufgehoben. Und deshalb müssen sie auch mehr verdienen“, stärkt die Göttingerin den Streikenden den Rücken.

Enttäuschung 

Enttäuscht ist die Familie vom Bundesfamilienministerium. In einem Schreiben hatte die Sieberts auf die schwierige Betreuungssituation durch den Streik aufmerksam gemacht und die Regierung aufgefordert, sich einzuschalten. „Zurück kam nur ein Standardbrief mit dem Hinweis, dass man notfalls auch unbezahlten Urlaub nehmen könnte.“ Aber das nützt den Göttingern nichts, weil dann das Geld in der Familienkasse fehlt und die Stadt ja trotzdem auf die Beiträge besteht.

Nach Angaben der Stadt Göttingen ist das Verhalten des betroffenen Ehepaars, Beiträge der Stadt vorzuenthalten, nicht in Ordnung. Stattdessen gibt es eine klare Regelung.

Stadtsprecher Detlef Johannson: „Die Eltern zahlen ihren Beitrag. Wir erstatten vom vierten Tag an, an dem die Einrichtung die Betreuungsleistung nicht erbringt.“ Laut Johannson ist Göttingen eine der wenigen Kommunen, in denen für solche Fälle klare Vorsorge getroffen wurde. „Wir haben darauf auch noch einmal durch Aushänge in den Einrichtungen aufmerksam gemacht. Das Verfahren ist also transparent und klar.“ Die Erstattung der Beiträge erfolgt übrigens nach Ende des Streiks. „Der Verwaltungsaufwand ist zu groß, um eine solche Rückerstattungsaktion mehrfach durchzuführen.“

Nach Angaben der Göttinger Stadtverwaltung gibt es auch in der kommenden Woche in zwölf von 13 städtischen Kitas Notgruppen. Lediglich die Kindertagesstätte Grone wird wieder komplett bestreikt.

Bündnis ruft zu Demonstration am Gänseliesel auf

Mit einer Demonstration soll den streikenden Erziehern am Samstag, 30. Mai, der Rücken gestärkt werden. Beginn ist um 15 Uhr am Göttinger Gänseliesel.

Zu der Aktion ruft das „Bündnis für gute Sorgearbeit und Geschlechtergerechtigkeit“ auf. Dazu gehört auch die Grüne Jugend Göttingen.

„Der Streik der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst läuft nun seit zwei Wochen und bisher ist noch keine Einigung in Sicht. Die Beschäftigten fordern durch eine Einstufung in eine höhere Tarifklasse eine angemessene Anerkennung und Bezahlung ihrer Tätigkeiten - und das zu Recht“, heißt es von der Grünen Jugend. Nach der Demonstration steigt ab 16 Uhr ein Kulturfest auf dem Nikolaikirchhof.

FDP kritisiert die Stadt 

Kritik an der Stadt Göttingen übt unterdessen die FDP. „Die bestehenden Notgruppen der Kitas in Göttingen reichten nicht einmal für die Hälfte der Kinder aus“, kritisiert Göttingens FDP-Stadtverbandsvorsitzende Felicitas Oldenburg. Sie fordert die Stadtverwaltung auf, dass diese trotz der angespannten Angebotssituation schleunigst neue Erzieher zunächst als Springer anwirbt. „Sie werden später als dritte Kräfte ohnehin gebraucht.“

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