Schüler auf Spurensuche

Klasse der OBS Northeim lernt viel bei Projekttag in Zwangsarbeiterausstellung

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Auf Spurensuche: Die Jugendlichen erarbeiteten in der Dauerausstellung in den BBS II Göttingen selbstständig Biografien von ehemaligen Zwangsarbeitern.

In der Ausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ erarbeitet eine neunte Klasse der OBS Northeim hat einen Tag lang selbstständig Biografien von Zwangsarbeitern, die bei Northeimer Unternehmen schuften mussten.

Sarah Matto und Thomas Wagner von der Oberschule (OBS) Northeim sind überrascht und erschrocken, „dass diese Dinge in Northeim passiert sind“. Diese Dinge – das sind die Schicksale der ausländischen, meist osteuropäischen Zwangsarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus.

Die beiden Schüler und ihre Klassenkameraden aus der neunten Klasse der OBS sind zum Projekttag „Spurensuche Zwangsarbeit“ in die Ausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945“ gekommen. Dort – in den Ausstellungsräumen der Berufsbildenden Schulen (BBS) II in der Godehardstraße in Göttingen – erarbeiten sie selbstständig die Biografien von sieben Zwangsarbeitern, die während des Krieges in Northeimer Unternehmen schuften mussten.

Thema wird greifbar

„Das Thema ist sehr spannend“, sagt Thomas Wagner. Und Sarah Matto ergänzt: „Wir haben hier sehr viel erfahren.“ Klassenlehrerin Natalia Törjek nutzt den Projekttag als Einstieg in das Thema Nationalsozialismus. „Für die Schüler ist das Thema mytisch bis irreal“, erklärt sie. Durch die Beschäftigung mit Biografien wird es für die Jugendlichen greifbarer. „So wird klar, dass davon Menschen mit einzelnen Schicksalen betroffen waren“, sagt die Lehrerin.

Die OBS Northeim in der Zwangsarbeiterausstellung: Die Lehrerinnen Julia Reimelt (links) und Natalia Törjek (rechts) begleiteten die 9. Klasse zum Projekttag, der von Petra Zeyen (2. von links) geleitet wurde.

Und es wird klar, dass es quasi vor der eigenen Haustür geschehen ist, dass der Satz „Wir haben davon nichts gewusst“ eigentlich nicht stimmen kann. Das sagt auch Petra Zeyen von der Geschichtswerkstatt Göttingen, die den Projekttag leitet.

Northeimer Bezug

Am Vormittag stand die theoretische Grundlage im Fokus. Dr. Gilbert Heß vom Geisteswissenschaftlichen Schülerlabor YLAB gab den Schülern einen umfassenden Überblick über das Thema der Ausstellung. „Herr Heß hat die Schüler richtig gut abgeholt mit seinem anschaulichen Unterricht“, lobt Lehrerin Törjek den Historiker.

Jetzt, am Nachmittag, begeben sich die Jugendlichen auf Spurensuche. Petra Zeyen hat für die Schüler sieben Biografien mit Northeimer Bezug vorbereitet, die die Jugendlichen nun in Gruppenarbeit selbstständig mit von Zeitzeugen-Interviews und Fakten der Ausstellung erarbeiten. „Der regionale Bezug ist wichtig“, betont Zeyen, denn das erhöhe den Wiedererkennungswert für die Schüler.

Viel gelernt

Genauso wichtig sei aber, dass die Zeitzeugen selbst zu Wort kommen – etwa in abrufbaren Videoclips –, denn erzählte Geschichte berühre gerade auch junge Menschen. „Die Zwangsarbeiter erzählen ihre eigene Geschichte. Das ist natürlich sehr persönlich und sehr subjektiv, aber es macht den Schülern klar, dass Geschichte lebt“, sagt Zeyen.

An Monitoren hören und sehen die Schüler Zeitzeugeninterviews.

Am Ende des Tages tragen die einzelnen Gruppen die Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Und Klassenlehrerin Natalia Törjek ist sich sicher: „Diesen Tag werden die Schüler nicht vergessen. Sie haben verstanden, dass es hier passiert ist. Sie haben viel gelernt über die Region und über die Geschichte.“

Die Vergangenheit, die zur Gegenwart gehört

Nicht nur Schüler, auch Geschichtswissenschaftler diskutieren seit mehr als 30 Jahren, ob es wichtig und notwendig ist, den Nationalsozialismus so herausgehoben in Schule und Öffentlichkeit zu behandeln. Ernst Nolte löste mit seiner Schrift „Die Vergangenheit, die nicht vergehen will“ 1986 den sogenannten Historikerstreit aus. 

Für Natalia Törjek zeigt sich gerade am Thema Zwangsarbeit aber, warum es so wichtig ist, dass diese Vergangenheit eben auch als ein Stück Gegenwart zu sehen ist: „Weil es um Menschen geht“, betont die Lehrerin. 

Interessant ist, dass die Zwangsarbeit im Schulunterricht lange Jahre eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Petra Zeyen von der Geschichtswerkstatt Göttingen leitet den Projekttag. Und sie erklärt, dass erst mit der Diskussion um Entschädigungszahlungen in den 1990er Jahren überhaupt klar geworden sei, welches Ausmaß die Zwangsarbeit hatte. „Es hat wirklich an jeder Ecke stattgefunden“, sagt Zeyen. 

Insgesamt gab es 13,5 Millionen ausländische Zwangsarbeiter in Deutschland zwischen 1939 und 1945. Mindestens 50.000 bis 60.000 davon in Südniedersachsen. Diese Zahlen beruhen laut Zeyen auf den offiziellen Dokumenten der Arbeitsamtskreise Göttingen und Northeim. Es ist also davon auszugehen, dass es noch wesentlich mehr Zwangsarbeiter in Südniedersachsen gab, die aber nicht erfasst wurden.

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