Bau von Flüchtlingswohnheim

OB Köhler appelliert an Bürger: "Wir brauchen Ihre Hilfe"

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Göttingen: Sozialausschusssitzung - geplantes Flüchtlingswohnheim auf den Zietenterrassen. Die Stadtverwaltung stellte das Projekt vor. Mehrere hundert Menschen kamen als Zuhörer in das ASC-Sportheim.

Göttingen. Der geplante Bau eines Flüchtlingswohnheims auf den Göttinger Zietenterrassen bewegt die Massen. Wie sehr, das zeigte sich am Dienstag bei einer öffentlichen Sitzung des Umwelt- und Sozialausschusses der Stadt.

An ihr nahmen mehrere hundert Menschen teil. Die Sporthalle des ASC-Sportzentrums am August-Schütte-Platz drohte aus allen Nähten zu platzen, als der Ausschussvorsitzende Klaus-Peter Hermann (SPD) die Veranstaltung eröffnete. Dieser ungewöhnliche Austragungsort war gewählt worden, weil das Flüchtlingsheim in unmittelbarer Nachbarschaft entstehen soll (die HNA berichtete).

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„Die Diskussion über diesen Standort erinnert mich sehr an 1990, als inder Merkelstraße ein Wohnheim für Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien gebaut werden sollte“, sagte Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). Auch damals hätten die Anwohner „große Sorge gehabt, was wird, Nöte, was passiert und Ängste, was aus ihnen wird“. Diese Ängste und Nöte hätten sich nach dem Bau als unnötig erwiesen. „Trotzdem nehmen wir die Befürchtungen, die hier artikuliert werden, sehr ernst“, betonte Köhler.

Dass die Zietenterrassen auf der Standort-Prioritätenliste der Stadt für ein Flüchtlingswohnheim ganz oben stehe, habe einen einfachen Grund. „Wir sind verpflichtet, im Laufe dieses Jahres rund 700 Flüchtlinge aufzunehmen und dies ist der einzige Standort im gesamten Stadtgebiet, der sofort verfügbar ist“, sagte er.

Wenn die Verwaltung „etwas Anderes, etwas Schnelleres und etwas Besseres gefunden hätte, dann hätte man das genommen“, so Köhler. Was die Stadt brauche, sei aber nicht nur ein Standort. „Wir brauchen auch Hilfe. Hilfe von Ihnen, den Anwohnern“, sagte der Bürgermeister und erntete dafür von vielen Anwesenden Applaus.

Die Veranstaltung zeigte, dass es unter den Anwohnern etwa genauso viele Befürworter wie Gegner des Projektes gibt. Das wurde auch klar, als Göttingens Sozialdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck Fragen von besorgten Bürgern beantwortete, die zuvor per Post im Rathaus eingegangen waren.

Dabei ging es auch darum, wer denn eigentlich in dem Heim wohnen werde. „Es werden Asylbewerber aus Nicht-EU-Ländern sein“, erläuterte Schlapeit-Beck. In der Regel handele es sich um junge Familien und Flüchtlingskinder. Geplant sei, die drei in Modulbauweise hergestellten Häuser für fünf Jahre aufzubauen und dann an einen anderen Standort zu versetzen. Damit stehe dann auch den Erweiterungsplänen der HAWK nichts im Wege, mit der man die Pläne abgestimmt habe und deren Leitung die neue Nachbarschaft ausdrücklich begrüße.

„Um Kindergartenplätze müssen sich die Menschen aus dem Terrassen keine Sorgen machen, das haben wir im Blick“, betonte die Sozialdezernentin. Bei Bedarf würden neue Gruppen eingerichtet. Die Frage nach einem Sicherheitskonzept beantwortete sie mit einem klaren ja. Und auch auf die Frage, ob der Stadtteil durch das Wohnheim überlastet werde, hatte sie eine Antwort parat. „Wir glauben, dass es keine Belastung, sondern vielmehr eine Bereicherung wird“, erwartet Schlapeit-Beck keinen sozialen Brennpunkt.

Hintergrund

Das Flüchtlingswohnheim soll in unmittelbarer Nachbarschaft zum ASC-Sportzentrum auf dem ehemaligen Exerzierplatz der Kaserne entstehen. Auf einer Fläche von 2000 Quadratmetern sollen drei Häuser aufgestellt werden, die in Modulbauweise gefertigt und angeliefert werden. 30 rollstuhlgerechte Wohnungen mit je drei Zimmern und 60 Quadratmetern sollen jeweils sechs Personen ein Zuhause bieten. Dazu kommen Gemeinschaftsräume und Räume für das Betreiber- und Sicherheitspersonal. Nach dem für Mitte des Jahres geplanten Aufbau der Häuser sollen diese fünf Jahre genutzt werden und dann an anderer Stelle aufgebaut werden. Die Kosten für das Projekt werden sich auf 4,5 Millionen Euro belaufen.

Das sagen die Anwohner

Das sagen die Anwohner: Göttingen. Die am häufigsten geäußerten Bedenken der Anwohner bezog sich auf die Größe des geplanten Flüchtlingswohnheims. Bei 180 Bewohnern in 30 Wohnungen mit jeweils sechs Flüchtlingen, die zudem so schnell wie möglich in größere Wohnungen umziehen sollen, könne die von Seiten der Stadt gewünschte Integration kaum stattfinden.

Mehrere Frauen äußerten Befürchtungen, um ihre Töchter. Schon Ende der 1990er Jahre, als in den Räumen der heutigen Montessori-Schule ein Flüchtlingswohnheim untergebracht war, sei es zu Belästigungen gekommen. Außerdem sorgte sich ein auf den Terrassen ansässiger Kleinunternehmer um seine Existenz, sollte seine Kreditwürdigkeit bei den Banken aufgrund möglicher sinkender Immobilienpreise wegen des Wohnheims leiden. Es gab auch andere Äußerungen: Überaus positiv bewertete Jutta Ziche den anstehenden Wohnheimbau. „Ich habe in früheren Jahren Flüchtlinge betreut und bislang nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht“, sagte sie.

Anne Schreiner betonte, sie könne zwar die Ängste einiger Menschen verstehen, aber es gebe auf den Terrassen auch viele, die dies als Aufgabe sehen könnten. „Ich selbst habe auch Interesse daran, mich für die Flüchtlinge zu engagieren“, sagte sie und erntete dafür einen lang anhaltenden Applaus. (per)

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