Königin in Frischhaltefolie

Junges Theater: Rockrevue für fünf früh gestorbene Musiker

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Poetisches Bild: Karsten Zinser wickelt Linda Elsner in Frischhaltefolie ein.

Göttingen. „Ich lebe nicht heute, vielleicht morgen, ich kann es dir nicht sagen, Baby.“ Diese Zeile aus dem Jimi-Hendrix-Song „I Don’t Live Today“ steht exemplarisch für das Grundgefühl all jener Sänger, die Mitglied des legendären Clubs 27 geworden sind.

Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Kurt Cobain und Amy Winehouse: Alle mit 27 ums Leben gekommen - Drogen, Alkohol, Depressionen und auch eine Schrotflinte erzeugten eine tödliche Verbindung.

Das Junge Theater in Göttingen widmet eine Rockrevue dem Schicksal dieser Musiklegenden: „Forever 27 Club“ wurde zur ausverkauften Premiere am Samstagabend heftig beklatscht – das Mitsing-Experiment bei den Zugaben misslang allerdings.

Der von Jörg-Martin Wagner konzipierte Abend (auch musikalische Leitung) zeigte die fünf 27er in einer Szenencollage als Schmerzensmänner und -frauen. Gewalttätiger Vater, unglückliche Kindheit, zerstörerische Paarbeziehung, Heroinsucht, Einsamkeit: kurze Spielszenen oder Monologe gingen in Songdarbietungen über und umgekehrt. Dabei wurde nicht immer sofort klar, um wen es geht – die Schicksale sollten bewusst etwas Austauschbares bekommen. An den Figurenverwandlungen vor dem weißen, halbrunden Bühnenhintergrund war inszenatorisch gründlich gearbeitet worden. Die Sprechtexte blieben allerdings oft banal und un-theatral.

Die Kostüme, in die Susanne Ruppert (auch Bühne) die Darsteller Linda Elsner, Agnes Giese, Eva Schröer, Ali Berber, Jan Reinartz und Karsten Zinser gesteckt hat, zeigten ebenfalls den Patchworkcharakter der Szenen wie der Figuren: Zusammengenäht aus verschiedenen Kleidern, Hemden, Mänteln spiegelten sie die Grundanlage des Abends.

Termine

Wieder am 3., 12., 21.2., Karten: 0551-495015.

In ihrem privaten Charakter machten sie allerdings auch deutlich, dass Wagner vorrangig den Blick auf die Schicksale jenseits der Bühne legt. Als charismatische Sänger und Musiker, die von Millionen verehrt wurden, die begnadete Konzerte gespielt haben, als Schöpfer von Musik, deren Kraft bis heute spürbar ist, wurden Jimi, Janis, Jim, Kurt und Amy weniger sichtbar. Das ist bedauerlich, weil natürlich ihre Auftritte für die Künstler wie fürs Publikum ebenfalls wie eine Droge wirken konnten – und weil ihr künstlerischer Erfolg womöglich mit dem exzentrischen, glühenden, schnell verglühenden Leben zusammenhing.

So gehört Jan Reinartz’ Szene als guruartiger Jim Morrison, der ein Konzert wie ein Voodoo-Priester zelebriert, zu den Höhepunkten des Abends. Ebenso wie Karsten Zinsers abgründig-charismatische Darbietung von Cobains „Lithium“ und Ali Berbers mal träumerisches, mal wütendes Gitarrenspiel als Hendrix auf einem Reisigbesen.

Die Musiker Oliver Neun, Marius Prill, Sven von Samson und Sebastian Strzys lieferten aus dem Parkett (schade, man konnte sie schlecht sehen) die fetten Bässe, dröhnenden Orgelsounds, jammernden Gitarrenklänge und einen dunklen Celloklang.

Erotisch wurde es, als Eva Schröer kollektiv verführt wurde zu Morrisons „Light My Fire“. Agnes Giese trug den scheußlichen Frotteebademantel mit Würde, als sie mit der Southern-Comfort-Flasche in der Hand und verschmiertem Lippenstift maximal unglamourös Winehouses großartige Hymne „Back To Black“ sang.

Und das poetischste Bild entstand, als Linda Elsner drogenmetaphorisch in Frischhaltefolie eingewickelt wurde, glänzende Flächen auf nackter Haut, über das ganze Gesicht, bis sie entrückt wie eine Königinstatue dastand.

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