Der Sonne zu nah

Göttinger Forscher entdecken: Der Komet „Tschuri“ speckt ab

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Zerklüftet und zweiteilig: Eine Aufnahme der Osiris-Kamera an Bord der Raumsonde Rosetta zeigt eindrucksvoll Form und Ausprägung des Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko, auf dem der Lander Philae abgesetzt worden ist. Die Form könnte bald der Vergangenheit angehen – „Tschuri“ kommt der Sonne näher und wird sich verändern.

Göttingen. „Tschuri“ speckt ab: Die Forscher der „Rosetta-Mission“ gehen davon aus, dass der Komet in den nächsten Wochen bis zu 20 Meter an Umfang verlieren wird.

Das ist die Folge einer heißen Annäherung: Denn der Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko kommt auf seiner Flugbahn unserer Sonne immer näher. Und dann wird es vor allem an Tschuris Südseite heiß. Einige Meter der Oberfläche könnte so verdampfen und nach Ende des heißen Flirts mit der Sonne fehlen. Die Wärme wird gefrorenes Wasser an Oberfläche zum Verdunsten bringen und damit werden Staubteile weggerissen.

Tschuris Problemzone ist eindeutig die Südseite. Nord- und Südteil des etwa fünf Kilometer großen Kometen werden sich in den nächsten Monaten verschieden entwickeln, wie die Wissenschaftler des Osiris-Teams vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) feststellen.

Mit Hilfe eines thermischen Modells auf Basis von Fotos des Osiris-Kamerasystems haben sie abgeschätzt, wie viel Material im Laufe eines Sonnenumlaufs von beiden Halbkugeln des Kometen abgetragen wird. Während die Südhalbkugel eine Schicht von mehreren Metern Dicke verlieren und somit ihr Aussehen grundlegend verändern könnte, ist die Nordhalbkugel weniger stark betroffen.

Ähnlich wie auf der Erde gibt es auch auf dem Kometen Jahreszeiten: Regionen sind zeitweise starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt, andere erhalten zeitgleich deutlich wenig Sonnenlicht. Einige Bereiche an den Polen durchleben gar Phasen völliger Dunkelheit oder ununterbrochener Sonne.

Leiter des Kamera-Systems: Dr. Holger Sierks.

Die starke Neigung der Rotationsachse beider Körper zur Bahnebene von 52 Grad, die komplexe Form und die stark elliptische Umlaufbahn um die Sonne führen zu einer ungleichen Verteilung von Sommer- und Wintermonaten. Der Sommer auf der Nordhalbkugel – und der Winter auf der Südhalbkugel – vollzieht sich während der Komet fern der Sonne ist und dauert 5,6 Jahre. Die Südhalbkugel hingegen durchlebt eine kurze und intensive warme Jahreszeit von etwa 10 Monaten.

Noch ist die Südseite des Kometen der Sonne abgewandt und in einer Art Polarnacht gefangen. Erst ab Mai werden Sonnenstrahlen diese Gebiete wieder erreichen. „Wir erwarten, dass dann die Erosion dort deutlich zunehmen wird“, sagt Holger Sierks vom MPS, Leiter des Osiris-Teams.

So wird sich Tschuris Südseite während seines Sonnenvorbeiflugs im August wohl dramatisch verändern: „Möglicherweise wird 67P nach seiner Sonnenpassage nicht mehr der Komet sein, der uns in den vergangenen Monaten so vertraut geworden ist“, sagt Sierks. „Diese Veränderungen aus der Nähe mit zu erleben, wird ein unbeschreibliches Abenteuer sein.“

Von Thomas Kopietz

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