Kommentar: Streit um Flüchtlingswohnheim in Göttingen

In Göttingen ist der Streit um den Bau einer Flüchtlingsunterkunft im Wohngebiet Zietenterrassen entbrannt. Dazu ein Kommentar von HNA-Redakteur Thomas Kopietz.

Keine Frage: Göttingen benötigt dringend und schnell akzeptable Wohnungen für Flüchtlinge. Der Bau eines Wohnheims für bis zu 200 Menschen ist notwendig, denn der Wohnungmarkt in Göttingen ist leergefegt, zumindest der für günstige Wohnungen.

Ob allerdings ein Wohnheim auf Zeit, dessen Gebäudeteile wieder abgebaut werden sollen, die einzige Möglichkeit ist, das bleibt fraglich. Und vielleicht könnte ja auch für die eingeplanten 4,5 Millionen Euro ein dauerhaftes Haus errichtet werden, deren Wohnungen später vermietet werden könnten. Diese Lösung klingt jedenfalls plausibler als die bisherige.

Wichtig ist aber auch – und darauf weist die Bürgerinitiative Zukunft Zietenterrassen zu Recht hin –, dass die Flüchtlinge, wenn die Unterkunft dort gebaut werden sollte, bestmöglich betreut werden könen. Dafür muss es ein klares Konzept geben, dafür muss Geld in die Hand genommen werden.

Aber auch die Anwohner auf den Zietenterrassen können ihren Sorgen um ein Alleinlassen der Flüchtlinge in der Unterkunft Taten folgen lassen. Das heterogene Umfeld mit jungen Familien, älteren Menschen, Firmenmitarbeitern und Studenten der Fachhochschule bietet sogar gute Möglichkeiten für ein Miteinander, eine Hilfe der Bewohner für die Flüchtlinge, die meist aus Kriegsgebieten kommen und die Aufmerksamkeit, Unterstützung verdient haben.

Eine Chance haben auch die Mitglieder der Bürgerinitiative, die ihre Einstellung für ein gutes Lebensumfeld mit den Flüchtlingen beweisen könnten.

Momentan stören sich die BI-Mitglieder und Anwohner daran, dass die Stadt den ehemaligen Exerzierplatz, wo eine Hochschulerweiterung geplant ist, als möglichen Standort für eine temporäre Flüchtlingsunterkunft ausgewählt hat. Man sei vorher nicht gefragt worden, werde vor vollendete Tatsachen gestellt. Dieser Eindruck kann bei Betroffenen entstehen. Die Stadt jedenfalls veranstaltet nun eine offene Sozialausschusssitzung vor Ort, ausschließlich zu dem Thema. Das ist ein Fortschritt im Vergleich zu früheren Vorgehensweisen und bei Bürgerbeteiligungen, die dem Wort nicht immer entsprachen – siehe IWF-Gelände-Bebauungsplan.

Folglich hat auch die Verwaltung und nicht zuletzt der neue Bürgermeister Rolf-Georg Köhler eine Chance: Nämlich zu beweisen, dass die im Wahlkampf oft zitierte angestrebte größere Transparenz bei Entscheidungen und eine neue Kultur des Miteinanderredens mehr als plakative Sprüche waren und sind.

Die Stadt will übrigens auch eine neue Willkommenskultur schaffen. Dazu gehört, Flüchtlingen gute Unterkünfte zu bieten. Dazu gehört aber auch, dass die Bürger dieses Willkommen leben. In der Öffentlichkeit auf den Wertverlust der Grundstücke durch den Bau des Wohnheims hinzuweisen, ist dabei kontraproduktiv und nicht angebracht. So entsteht der Eindruck: Flüchtlinge ja, aber nicht vor meiner Haustür.

Mail an den Autor: tko@hna.de

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