Gegen Musikerkrankheit

Konzert in der MRT-Röhre: Forschungsprojekt mit Blas-Musikern

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Musiker in der Röhre, Instrument davor: Stephan Schottstädt vom German Hornsound Quartett spielt im Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen im Echtzeit-MRT. Peter Il tis (links) und Prof. Dr. Jens Frahm analysieren dort die Bewegungen. Vorne: Arun Joseph. 

Das Musikquartett German Hornsound hat in einer MRT-Röhre des Max-Planck-Insituts für Biophysikalische Chemie das Horn geblasen. Bei MRT-Echtzeit-Aufnahmen sollte es neue Erkenntnisse für eine Bläser-Krankheit geben. 

Vier Bläser des Musikquartetts German Hornsound spielen klassische Musik im Foyer des NMR-Gebäudes auf dem Gelände des Max-Planck-Insitutes für Biophysikalische Chemie. Klassische Musik in einer naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtung – wie geht das zusammen?

Nachdem die Bläser Christoph Eß, Timo Steininger, Sebastian Schorr und Stephan Schottstädt ihre Instrumente eingepackt haben, geht es ins Untergeschoss. Dort warten Prof. Jens Frahm und Prof. Peter Iltis auf Schottstädt. 

Er ist der Proband und darf in einem lärmenden Magnetresonanz-Tomografen (MRT) Wohlklänge mit seinem Horn erzeugen – für die Erforschung einer mystischen Musiker-Krankheit.

Göttinger Erfindung

Möglich macht das eine revolutionäre Entwicklung am Göttinger MPI: Jens Frahm, Leiter der angegliederten Biomedizinischen NMR Forschungs GmbH, zaubert mit seinem Team Live-Bilder aus dem Körper via Echtzeit-MRT auf den Bildschirm. 

Frahm ist quasi der Vater des ultraschnellen MRT: Vor mehr als 40 Jahren hat er mit seiner Flash-Technik die Messzeiten von MRT-Aufnahmen drastisch verringert, es war der Start für den Siegeszug in der bildgebenden Medizindiagnostik. Ein Nobelpreis blieb ihm dafür – trotz des enormen Benefits für die Menschen – bisher verwehrt.

100 Musiker im MRT

Jens Frahm und Peter Iltis, vom Gordon College der Indiana University, haben gut 100 Musiker, so von den Berliner und Bostoner Symphonikern, zum Musizieren in die „Röhre“ geschoben: Die beiden Musikbegeisterten verfolgen dort ein spektakuläres wie einmaliges Forschungsprojekt: Sie sind einer neurologischen Erkrankung auf der Spur, von der Musiker, die Blasinstrumente spielen, in besonderem Maße befallen werden: die Fokale Dystonie.

Fatale Krankheit

Dabei verkrampfen bestimmte Muskeln immer wieder – vor allem, wenn die Musiker komplexe Bewegungen hochpräzise ausführen. Eben das tun Blasmusiker: Sie beanspruchen bestimmte Regionen der Zunge, Lippen und des Gesichts.

„Man weiß aber selber nicht genau, wie die Bewegungen vor sich gehen, ablaufen, das alles ist eher unbewusst“, sagen Christoph Eß und Stephan Schottstädt, für die es deshalb „sehr wichtig und faszinierend“ ist, zu sehen, was genau im Mund und Rachenraum passiert“.

Live: In Echtzeit sind die MRT-Aufnahmen des Horn-Spielens zu sehen. Peter Iltis schaut zu.

Live-Bilder aus Körper

Und dabei kommt die Echtzeit-MRT-Methode Technik ins Musik-Spiel. Im MRT wird fast ohne Verzögerung deutlich, was sich im Mund- und Rachenraum im wahrsten Sinne des Wortes abspielt, wenn die Musiker Töne mit dem Horn erzeugen.

Stephan Schottstädt liegt vor dem kreisrunden Schlund des hochmodernen MRT-Gerätes – und muss sich umstellen. Denn sein eigenes Horn kann er nicht verwenden. Die Röhre würde das Metallinstrument förmlich ansaugen. 

Also setzt Schottstädt ein besonderes, eigens gefertigtes Kunststoffmundstück an – und wird in den Tomographen gefahren. Das Mundstück endet in einen Schlauch, der aus der MRT-Öffnung ragt und in den Rest des Horns führt.

Exquisites Publikum

„Liegend in einem MRT spielen, das habe ich noch nie gemacht“, sagt der Musiker vor dem Start des Experiments, das ihm auch viel Geduld abverlangen wird. 30 Minuten dauert das Konzert in der Röhre. Das Publikum ist handverlesen: Jens Frahm, Peter Iltis, Arun Joseph und Dirk Voit sitzen vor Bildschirmen im Kontrollraum, wenige Meter vom MRT-Raum entfernt.

Gespannte Beobachter: von links Prof. Dr. Jens Frahm, Dirk Voit, Arun Joseph und Prof. Dr. Peter Iltis im Regieraum der NMR Forschungs GmbH am MPI. 

Spezielle Tonfolge

„Are you ready? O.k. – Please start!“ Die Anweisungen von Peter Iltis sind klar. Stefan Schottstädt hört sie via Kopfhörer. Improvisieren kann er nicht: Die Tonfolge ist dem Probanden vorgegeben. Es ist kein Lied, sondern eine Abfolge mit hohen und tiefen Tören – in Variationen. „Die haben wir so zusammengestellt, dass die Zunge viele Bewegungen vollziehen muss“, sagt Iltis. 

Und dann ist auf dem Bildschirm das zu sehen, was sich selbst den Musikern nicht erschließt – die Bewegungen im Mund- und Rachenraum von Zunge, Kehlkopf und Lippen. Es ist der faszinierende Blick in einen Körper während des Musizierens.

Neue Diagnosen

Jens Frahm hat so auch bereits Schluckbewegungen beobachtet und analysiert. Und mit den Kollegen der Universitätsmedizin Göttingen in deren MRT-Gebäude live in das schlagende menschliche Herz geschaut. Folglich ergeben sich ganz neue Möglichkeiten der Diagnose in Stadien von Erkrankungen.

Prävention für Musiker

Nun wollen er und Peter Iltis helfen, der besonders für Spitzen-Musiker fatalen Erkrankung den Schrecken zu nehmen, oder sie sogar durch vorbeugende Maßnahmen nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Also sammeln sie fleißig Daten und viele Live-MRT-Bilder, legen eine Datenbank an und werten sie aus. 

Denn: „Je mehr wir über die Bewegungen und Belastungen wissen, desto besser können wir die Musiker darauf vorbereiten“, sagt Iltis, der aus eigener Erfahrung weiß: „Ist die Funktionsstörung da, dann kann sie das Ende der Karriere bedeuten.“ 

Auch Musiklehrer und Orchesterleiter könnten von den Forschungen profitieren, so für den Umgang mit Schülern und Ensemble-Mitgliedern bei Leistungseinbrüchen.

Neues Erlebnis

Für Iltis ist der Kontakt mit Eckart Altenmüller von der Musikhochschule Hannover und Jens Frahm deshalb ein Glücksfall, ebenso die Erforschung der Fokalen Dytonie. Hornist Stephan Schottstädt jedenfalls übersteht die Prozedur locker. 

Für ihn war es ein neues Erlebnis des Musizierens. Eine Bewusstseinserweiterung im Sinne der Forschung und Musik.

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