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Göttinger Biowärmezentrum weiter in der Kritik der Umweltschützer

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Von: Bernd Schlegel

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Machen auf Probleme durch das Biowärmezentrum in Göttingen aufmerksam: (von links) Tobias Tannert, Sarah Grosser und Prof. Dr. Rolf Bertram.
Machen auf Probleme durch den Biowärmezentrum-Betrieb in Göttingen aufmerksam: (von links) Tobias Tannert, Sarah Grosser und Prof. Rolf Bertram. © Bernd Schlegel

Kritiker werden nicht müde das Biowärmezentrum der Stadtwerke Göttingen anzugreifen. Der Betreiber sieht das ganz anders.

Göttingen – Das Göttinger Biowärmezentrum der Stadtwerke verdient seinen Namen nicht und es konterkariert die Klimaziele der Stadt Göttingen. Das ist zusammengefasst die Kritik der von Mitgliedern der Ortsgruppe Göttingen-Harz-Leine der Umweltgewerkschaft.

Kritik an Biowärmezentrum: Asche und Ultra-Feinstaub wird ausgeblasen

So werde kein Gas aus Holzverbrennung eingesetzt. Stattdessen werde, um genügend Wärme zu erzeugen, sogar Erdgas verwendet. Auch die Asche, die bei der Holzverbrennung anfällt, sei nicht ohne Weiteres verwendbar. „Es ist nicht in Ordnung, dass das Biowärmezentrum so noch genannt wird“, sagt Tobias Tannert von der Umweltgewerkschaft. Die befürchtet, dass auch dauerhaft kein Gas aus Holz (Holzgas) erzeugt und damit das Biowärmezentrum seinen Namen nicht verdient.

Derzeit laufe zwar der Betrieb mit Holzhackschnitzeln aus frischem und gebrauchtem Holz, allerdings werde es einfach nur verbrannt – ähnlich wie in einem Holzofen zu Hause. „Das ist ökologisch nicht sinnvoll, weil die Feinstaubbelastung durch diese Technologie höher ist als bei der Vergaser-Variante“, sagt Tannert.

Apropos Feinstaubbelastung: Prof. Rolf Bertram sagt: „Bei der Verbrennung entwickelt sich Ultra-Feinstaub, der durch keinen Filter zurückgehalten. An diesen Ultra-Feinstaub lagern sich Schadstoffe an, die dann die Bevölkerung belasten.“ Laut Bertram sinkt dieser Feinstaub nicht schnell zu Boden, sondern fliegt unter Umständen noch einige Kilometer weit. Bertram geht davon aus, dass ein Großteil des Feinstaubs bei Northeim niedergeht. „Diese Belastungen durch den Feinstaub wurden in den Planungen überhaupt nicht berücksichtigt.“

Gewerbeaufsichtsamt beachtete Ausstoß nicht

Kritisch betrachtet er nach wie vor das Verhalten des Gewerbeaufsichtsamtes in diesem Fall, das den Begriff des Ultra-Feinstaubs bei der Genehmigung der Anlage nicht berücksichtigt habe. Diese potenziell gefährlichen Partikel spielen bei solchen Anlagen keine große Rolle, da die Zahl der Ultra-Feinstaubteilchen nicht berücksichtigt wird.

Bei der Holz-Vergaser-Variante fällt nach Angaben der Initiative von vornherein gar nicht so viel Feinstaub und Filterasche an. „Damit ist das Verfahren für die Umwelt viel verträglicher. Die Belastung der Menschen ist viel geringer.“

Die Umweltgewerkschaft hat inzwischen herausgefunden, dass die Firma, die die Holz-Vergasung realisieren sollte, möglicherweise nicht mehr am Markt ist und das Projekt gar nicht mehr anpacken wird.

Fragen wurden vom Betreiber nicht beantwortet

Entscheidend ist für Umweltgewerkschaft außerdem die Frage, wo die Holzhackschnitzel für den Betrieb des Biowärmezentrums herkommen. „Wir haben schon einen Informationsantrag dazu gestellt. Wir sind bei der Antwort aber abgespeist worden“, sagt Tannert. Fragwürdig findet die Umweltgewerkschaft, dass die Stadtwerke die Herkunft des Holzes nicht offengelegen.

Laut Bertram werde auch Holz aus der Umgebung des 1986 havarierten Atomkraftwerks Tschernobyl inzwischen in Hackschnitzeln verkauft. „Natürlich ist dies illegal, aber es wird offenbar trotzdem gemacht“, sagt Bertram. Für ihn ist daher der Nachweis entscheidend, woher das Holz für Hackschnitzel bezogen wird. „Da darf es keine Geheimnisse geben.

Das sagen die Stadtwerke zur Kritik

Die Stadtwerke Göttingen weisen als Betreiberin des Biowärmezentrums die Kritik der Umweltgewerkschaft zurück.
Das Unternehmen, eine städtische Tochtergesellschaft, räumt ein, dass beim Betrieb des Biowärmezentrums (BWZ) Emissionen entstehen – insbesondere Feinstaub und Stickoxide. Aber: „Diese werden kontinuierlich gemessen, sind online beim Gewerbeaufsichtsamt aufgeschaltet und werden auf der Website der Stadtwerke veröffentlicht. Alle gesetzlichen Grenzwerte werden seit Beginn der Inbetriebnahme deutlich unterschritten“, heißt es in einer Stellungnahme. Zudem merken die Stadtwerke an: „Göttingen wurde 2020 als europäische Großstadt mit der besten Luftqualität prämiert. Die von europäischen Behörden durchgeführten Messungen dafür fanden nach der Inbetriebnahme des Biowärmezentrums statt.“

Laut Stadtwerke soll noch in diesem Jahr mit der Errichtung einer Holzvergasungsanlage durch die Firma Boson in der Anlage begonnen werden. Die Montage soll im dritten Quartal starten. Allerdings könne es durch die allgemeine Krise in den Lieferketten zu Verzögerungen kommen. Im Biowärmezentrum ist ein Blockheizkraftwerk installiert. Es wird nach Angaben des Unternehmens mit „bilanziellem Biomethan“, also aufbereitetem und in Erdgasnetz eingespeisten Biogas, betrieben. (Bernd Schlegel)

Biowärmezentrum der Stadtwerke Göttingen zur Versorgung des Fernwärmenetzes. Immer wieder übt eine kleine Gruppe Kritik, zuletzt die Umweltgewerkschaft.
Biowärmezentrum der Stadtwerke Göttingen am Maschmühlenweg zur Versorgung des Fernwärmenetzes. Immer wieder übt eine kleine Gruppe Kritik, zuletzt die Umweltgewerkschaft. © Thomas Kopietz

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