Gymnasien sollen Lehrer an Grundschulen schicken

Kurz vor Schuljahresstart: wieder Unmut über Kultusministerium

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Wer steht am Donnerstag in den Klassen der Grundschulen? In Niedersachsen sollen kurzfristig Gymnasiallehrer die Lücke an Grundschulen stopfen. Kurz vor Schuljahresstart verunsichert eine Anordnung des Kultursministeriums Lehrer und Schulleiter.  

Hannover/Göttingen. Das Kultusministerium ordnet kurz vor Schulstart an, dass Gymnasiallehrer an Grundschulen aushelfen sollen. Das erzürnt auch Göttinger Schulleiter.

Göttingen. Die Stundenpläne an den Gymnasien stehen seit Wochen. „Wir warten nur noch auf die Schüler, die am Donnerstag in das neue Schuljahr starten wollen“, sagt Dr. Ulrike Koller, Schulleiterin am Theodor-Heuss-Gymnasium und Sprecherin der Göttinger Gymnasien.

Koller und Dr. Wolfgang Schimpf, Kollege am Max-Planck-Gymnasium und Vorsitzender der Niedersächsischen Direktorenvereinigung, können nur mit dem Kopf schütteln, was aus Hannover zu einem „unmöglichen Zeitpunkt“ wenige Tage vor Schuljahresstart kommt. Den Bedarf an Grundschulen wollen die beiden nicht absprechen, „denn bekannt ist der Lehrermangel besonders in dieser Schulform seit langem“. Nur: Die Möglichkeit der Gymnasien, dafür Abhilfe zu schaffen, sei beschränkt: „Kein Göttinger Gymnasium hat zu viele Lehrer“, sagt Koller. Zudem gebe es Engpässe in einigen Fächern. „Einen Mathe-Lehrer könnten wir nicht abgeben, weil wir zu wenige haben.“

Gymnasiallehrer als Grundschullehrer, geht das überhaupt? Grundsätzlich ja, meint Koller. Vom Fachlichen sei das trotz unterschiedlicher Ausbildung in Studium und Referendariat möglich. „Es bedarf aber einer gründlichen Vorbereitung und Einarbeitung, um Grundschulkindern pädagogisch gerecht zu werden“, sagt Schimpf. Abordnungen zwischen den Schulformen seien nicht verboten.

Diskutabel bleibt in jedem Fall für die Schulleiter die Art des Umgangs mit Lehrern – auf beiden Seiten, der abgebenden wie der empfangenden Schule. „Wenn ich an unsere Planer und die Schulleiter der Grundschulen denke, dann weiß ich, wie sie sich fühlen“, sagt Koller. „Sie wissen ja noch nicht einmal, welcher Lehrer am Donnerstag zum Unterrichten kommt.“

Die Lehrerverbände konstatieren unerträgliche Zustände. „Gymnasien würden kurzfristig angewiesen, „40 oder 60 oder 70 Stunden“ an Grundschulen abzuordnen, um dort die Löcher zu stopfen, die dann an den Gymnasien umso größer würden“, sagt der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz.

Der Vorsitzende des Verbandes Niedersächischer Lehrkräfte, Manfred Busch, klagt: Die Unterrichtssituation sei vorhersehbar gewesen. „Leidtragende dieser verfehlten Politik werden unsere Schüler sein.“ Laut dem Vorsitzenden der Landeselternvertretung, Hartwig Jeschke, gesteht Ministerin Frauke Heiligenstadt nun das Scheitern von vier Jahren Bildungspolitik im Kerngeschäft, der Sicherung der Unterrichtsversorgung für alle Schulformen, ein.

Das Kultusministerium verteidigt die Anordnung. Eine auskömmliche Unterrichtsversorgung und die Sicherung des Pflichtunterrichtes hätten höchste Priorität. Besonders wichtig sei die Versorgung der Grundschulen, um dort die vorgeschriebene Verlässlichkeit zu gewährleisten.

Für die Opposition ist all das stellvertretend für die „Chaospolitik der Kultusministerin“, so der FDP-Landtagsabgeordnete Björn Försterling. (tko mit dpa und epd)

Hintergrund: Die Rechtslage

Gegen eine – auch in anderen Bundesländern durchaus übliche – Anordnung wie zur Unterstützung über Lehrerabstellungen der Gymnasien an Grundschulen gibt es rechtlich wenig einzuwenden. Zu diesem Ergebnis kommt der Jurist Dr. Alexander Thiele von der Universität Göttingen in einer Stellungnahme für die Direktorenvereinigung Niedersachsen: Die Abordnung eines Gymnasiallehrers an Grundschulen muss einen zwingenden dienstlichen Grund haben – ein Lehrermangel an Grundschulen ist ein solcher. Die Abordnung des Lehrers muss aber zumutbar sein, das heißt, sie darf sich inhaltlich nicht zu stark von der üblichen Lehrtätigkeit unterscheiden. Ein Einsatz auf einem bis zu zwei Besoldungsgruppen niedrigeren Amt sei für Beamte zumutbar. Alexander Thiele verweist aber darauf, dass an Grundschullehrer deutlich andere Anforderungen, auch spezieller Art, gestellt werden. „Das neue Amt muss insofern mit einem Beamten besetzt sein, die die jeweilige Tätigkeit auch wahrnehmen kann“, schreibt Thiele. Er hegt deshalb „berechtigte Zweifel, ob eine Abordnung von Gymnasiallehrern an Grundschulen als zumutbar gesehen werden kann“. Auch, weil es grundsätzlich andere pädagogische Konzepte in den Grundschulen als in den Gymnasien gebe. Ein Verfahren vor dem Hintergrund der Zumutbarkeit zu führen, sei zwar mit erheblichen Risiken behaftet, allerdings nicht völlig aussichtslos. 

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