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Mit Satire zur Substanz: Landtagskandidat Marcel Orth bietet Korruption für kleines Geld

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Von: Raphael Digiacomo

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Niedersachsenwahl 2022: Der Göttinger Kandidat Marcel Orth (Die Partei) will in den Landtag einziehen. Dafür nutzt er Satire und verspricht Korruption zum halben Preis.

Göttingen – Marcel Orth macht sich als Kandidat nur bedingt Hoffnungen auf einen Einzug in den niedersächsischen Landtag nach der anstehenden Wahl am 9. Oktober. „Ich bin realistisch genug, noch nicht nach Wohnungen in Hannover gesucht zu haben“, sagt der 47-Jährige. Nur um sogleich zu ergänzen: „Deswegen hab ich mich nur nach WGs umgeschaut.“

Dieses Wechselspiel zwischen Ernsthaftigkeit und Satire ist charakterisierend für den gelernten Informatiker, und Die Partei, für die er bei der Wahl kandidiert. So antwortet Orth auf die Frage, welche politischen Themen er mit sich in den Landtag tragen würde: „Korruption und Innenpolitik.“

Landtagswahl Niedersachsen: Göttinger Kandidat Marcel Orth bietet Korruption für kleines Geld

Die Partei-Kandidat Marcel Orth vor dem Gänseliesel, einem seiner Lieblingsorte in Göttingen.
Schätzt das Feierabendbier vor romantischer Kulisse: Die Partei-Kandidat Marcel Orth vor dem Gänseliesel, einem seiner Lieblingsorte in Göttingen. © Raphael Digiacomo

Letztere liege ihm besonders am Herzen – vor allem der Umgang mit den sogenannten Querdenkern beschäftige ihn. In diesen sieht er eine reale Bedrohung der Demokratie und fordert weiterhin eine genaue Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Der Groschen fällt nicht sofort, aber dann wird klar: Orth meint es wörtlich. Blitzschnell kann er von Humor auf Ernsthaftigkeit umschalten.

„Eine gewisse zynische Ader hab ich seit meiner Jugend“, so der Rheinhesse. Dazu habe auch die Lektüre des Satiremagazins Titanic beigetragen. „Vordergründig kann man vieles unserer Partei und ihrer Aussagen als Satire bezeichnen. Letztlich geht es uns aber schon auch um Substanz.“

Wir sind die einzige Protestpartei, die nicht extrem ist.

Die Partei-Kandidat Marcel Orth

Die Partei und ihr Göttinger Landtagswahl-Kandidat lieben es, mit Wortwitz und Klischees zu spielen – letztlich geht es beiden aber um Kritik am politischen Establishment: „Wir sind die einzige Protestpartei, die nicht extrem ist.“ Und in einigen wenigen Fällen mache Die Partei auch echte Politik, so wie unter anderem in Duderstadt gemeinsam mit der SPD.

Niedersachsenwahl 2022: Die Partei will im „lauwarmen Herbst“ des Unmuts in den Landtag einziehen

Dem „Heißen Herbst“ der Linken und dem „Winter der Wut“ rechter Gruppen setzt Die Partei den „lauwarmen Herbst“ des Unmuts gegenüber. „Unsere Zielgruppe sind Bürgerinnen und Bürger, deren Gefühlsspektrum in Bezug auf die aktuelle Regierungspolitik von leicht angesäuert bis dezent angepisst reicht.“

Unsere Zielgruppe sind Bürgerinnen und Bürger, deren Gefühlsspektrum in Bezug auf die aktuelle Regierungspolitik von leicht angesäuert bis dezent angepisst reicht.

Marcel Orth

Gründe für Unmut gebe es in Deutschland und gerade in Niedersachsen bei Weitem genug; die Schere zwischen Arm und Reich sei in der Pandemie noch mal weiter aufgegangen. Dramatisch ansteigende Mieten und Energiekosten trügen dazu bei, auch in Göttingen.

Korruption stehe auch bei den sogenannten Volksparteien auf der Tagesordnung: „In diesen Markt drängen wir jetzt auch, allerdings im unteren Preissegment.“ Die Partei wolle Korruption-Marktführer und -Platzhirsch CDU perspektivisch vom Thron stoßen.

Die Partei-Landtagskandidat Marcel Orth nutzt Satire als politisches Instrument

„Ich bin gerne bereit, das Volk für einen nagelneuen VW Up zu verraten“, gibt sich Orth bescheiden. Wie dieser Volksverrat konkret aussehen würde, bleibt allerdings offen. „Sollten VW oder Tönnies bei mir anrufen, lasse ich mich auch gerne abwerben.“

Was den Charme von Die Partei ausmacht, stellt für viele Wähler gleichzeitig ihre Achillessehne dar: Satire hat eine starke politische Dimension, eignet sich hervorragend zur Systemkritik. Doch regt sie eher zu berechtigten Fragen an, als dass sie hilfreiche Antworten liefert. Was genau Die Partei politisch in Hannover einbringen würde, da bleibt auch ihr Göttinger Landtagskandidat vage.

Sympathiepunkte sammelt Orth allemal, wie er mit seinem Markenzeichen, ein Sternburg-Bier, vor dem Gänseliesel steht. Dies ist einer seiner Lieblingsorte in Göttingen. Und sollte es mit dem Einzug in den Landtag vorerst nichts werden, will er der Göttinger Politik und Der Partei erhalten bleiben. (Raphael Digiacomo)

Zur Person

Marcel Orth (47) wurde in Haan in Nordrhein-Westfalen geboren, wuchs jedoch in Rheinhessen bei Mainz auf. Er absolvierte die Mittlere Reife, machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann und war acht Jahre lang selbstständig. Zudem absolvierte er seinen Zivildienst als Fahrer für Behindertentransporte. Ab 2007 schulte er zum Informatiker um. Seit 2015 arbeitet und wohnt Orth in Göttingen. Fast ebenso lange engagiert er sich in der Uni-Stadt für Die Partei.

25 Direkt-Kandidaten treten 2022 in Stadt und Landkreis Göttingen bei der niedersächsischen Landtagswahl an. Darunter ist auch die Göttingerin und CDU-Landtagskandidatin Carina Hermann. FDP-Landtagskandidat Patrick Thegeder erklärt Politik auf TikTok. Landtagskandidatin Karola Margraf (SPD) will 20 Jahre politische Erfahrung ins Parlament einbringen.

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