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Worte sind stärker als Trillerpfeifen: Grünen-Kundgebung mit Außenministerin Annalena Baerbock

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Von: Thomas Kopietz

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Am 9. Oktober steht die Landtagswahl in Niedersachsen an. Außenministerin Annalena Baerbock stärkt den Grünen-Kandidatinnen in Göttingen den Rücken.

Göttingen – Annalena Baerbock lockt die Massen. Mehr als 1000 Menschen kommen am Sonntag (02.10.2022) auf den Albaniplatz in Göttingen. Die Einen, um zuzuhören, was die Außenministerin zu Ukraine-Krieg, Energie-Krise und Iran-Krise zu sagen hat.

Die Anderen, um auf keinen Fall irgendetwas zu hören, was sie auf der Bühne ins Mikro spricht. Sie liefern als Gegenprogramm zur Wahlkampfveranstaltung der Grünen ein Trillerpfeifen-Dauerkonzert und skandieren fortlaufend auch: „Kriegstreiber“ und „Hau ab!“

Göttingen: Außenministerin Annalena Baerbock unterstützt Grüne im Wahlkampfendspurt

Außenministerin Annalena Baerbock, Spitzenkandidat Christian Meyer und Marie Kollenrott in Göttingen.
Wahlkampfendspurt zur Landtagswahl in Göttingen: Die Grünen holten Außenministerin Annalena Baerbock (von links), Spitzenkandidat Christian Meyer und Marie Kollenrott auf die Bühne. © Thomas Kopietz

All das setzt schon ein, als der Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl, Christian Meyer, als Jürgen Trittin und als die Göttinger Kandidatin Marie Kollenrott sprechen. Um ihnen und der Partei Rückenwind für den Wahlkampfendspurt zu geben, spannt sich die laut Politbarometer beliebteste deutsche Politikerin und extrem geforderte Außenministerin bei zwei Veranstaltungen am Sonntag vor den Karren – in Hannover und in Göttingen.

Beides quasi Heimspiele für die gebürtige Hannoveranerin. Und aus Göttingen stammt ihr Ehemann. Daniel, Sohn des hiesigen Grünen-Urgesteins Ulli Holefleisch. „Da ist er zur Schule gegangen“, sagt Baerbock und zeigt gen Albani-Schule. Der Aufstieg der Annalena Baerbock ist atemberaubend: 2018 Parteivorsitzende, 2021 Kanzlerkandidatin und dann Außenministerin.

Große Sprünge ist die ehemalige Trampolin-Leistungssportlerin gewöhnt. Als Außenministerin wurde sie aber ins kalte Wasser geworfen. Nach vier Monaten im Amt überfällt Putins die Ukraine. Seitdem ist Baerbock Dauereinsatz – und redet Klartext, auch gegen den russischen Kollegen Sergej Lavrov, den sie kürzlich vor der UN-Versammlung zurechtstutzte.

Annalena Baerbock erntet bei Grünen-Kundgebung auf Albaniplatz Riesenapplaus und Jubel

Angesichts dessen sind Trillerpfeifenkonzert und Kriegstreiber-Rufe auf dem Albaniplatz ein willkommener Steilpass für die 41-Jährige. Den Störern hält sie entgegen: „Es ist das wichtigste in einer Demokratie in Frieden, in Freiheit in Sicherheit zu leben. Und, dass bei einer Wahlveranstaltung mit einem Regierungsmitglied Störer sein und so laut pfeifen können, wie sie wollen, aber eben nicht dafür verhaftet werden“ – wie in Russland. Riesenapplaus und Jubel.

Baerbock ist Realpoltikerin: „In der Politik geht es darum, darauf zu reagieren wie die Welt ist, nicht darum, sich diese schön zu wünschen.“ Deshalb habe man Enscheidungen mit – alternativlosen – Sanktionen getroffen, die auch Auswirkungen auf „uns alle haben – in Sachen Energieversorgung“.

Das sei Resultat einer Entscheidung, die dafür stehe, sich „nicht wegzuducken, Verantwortung wegzuschieben, sondern deutlich zu sagen: Wir stehen auf der Seite der Ukraine. Wir stehen auf der Seite des Völkerrechts, der Seite der Menschen, die das wollen, was wir wollen: In Freiheit leben.“

Realpolitikerin Baerbock lässt sich nicht von Pfeifen und Trillern stören

Widerrechtlichen Überfällen und Annexionen zuzuschauen, das bedeutet für sie: „Es wäre das „Ende einer regelbasierten Ordnung in der Welt.“ So bekräftigt sie: „Wir stehen für die Stärke des Rechts und nicht für das Recht des Stärkeren.“ Beifall. Die Pfeifen der Störer – darunter sind auch einige Querdenker – trillern weiter, während Baerbock frei spricht.

Aber es gibt auch andere Kritiker. Jene, die zuhören, die Plakate hochhalten, eine gerechtere Politik und Außenpolitik einfordern: „Keine Waffenexporte, kein Gas von Öldiktaturen und Sanktionen gegen Aserbaidschan.“ Baerbock sieht diese Plakate. Darauf ein geht sie nicht.

Wir stehen hier für Mitmenschlichkeit, für Werte und ein starkes europäisches Miteinander.

Außenministerin Annalena Baerbock

Sehr wohl aber auf die Unterstützung der Frauen im Iran, auf die enorme Hilfsbereitschaft so vieler Menschen in dem Land, „für das ich stolz bin, Außenministerin zu sein“. All das zeige: „Wir stehen hier für Mitmenschlichkeit, für Werte und ein starkes europäisches Miteinander.“

Außenministerin stärkt Göttinger Kandidatinnen Marie Kollenrott und Pippa Schneider den Rücken

Politik müsse dafür Unterstützung leisten, auch finanziell. „Wir müssen dafür sorgen, dass alle Menschen gut durch den Winter kommen.“ Das sei ein Zeichen von Solidarität. Und sie stellt klar: „Würde man jetzt die Ukraine-Unterstützung einstellen, dann wäre nichts besser, würde weiter geschossen und gebombt, die russischen Panzer würden auf Kiew zurollen.“

Klar, deutlich, couragiert, so spricht Baerbock in Göttingen, im Wahlkampf. Sie wirkt authentisch, wie in New York – vor der UN. Für die Kandidaten zur Landtagswahl hat Baerbock nur Gutes zu sagen: Julia Willie Hamburg und Christian Meyer seien eine starke Spitze. Den Kandidatinnen Marie Kollenrott und Pippa Schneider wünscht sie den Einzug in den Landtag. Es ist ein starker Auftritt der Annalena Baerbock, einer starken Frau. (Thomas Kopietz)

In der heißen Phase des Wahlkampfs kam auch Ricarda Lang, Bundesvorsitzende der Grünen, nach Göttingen. Unbekannte ließen den Grünen in Göttingen Ende September einen Brief mit Morddrohungen zukommen.

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