Teil 1 der Serie: Mythos und Wirklichkeit der 68er

Der lange Schatten einer Generation, die alles verändern wollte

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Berlin, Kurfürstendamm, am 14. April 1968: Der Anschlag auf Rudi Dutschke am 11. April löste eine Protestwelle aus. Ein Pulk von Demonstranten steht vor einem Wasserwerfer.

Göttingen. 1968 – kaum ein anderes Jahr in der Geschichte ist so symbolträchtig. 50 Jahre ist es nun her, dass die „68er-Bewegung“ eine Aufbruchstimmung in Deutschland erzeugte. 

Historiker Jöran Klatt vom Göttinger Institut für Demokratieforschung erklärt, welche Folgen „1968“ für die heutige Gesellschaft hat.

Selbstoptimierung

„Den größten Einfluss hatte ‘68’ wahrscheinlich auf die Individualisierung der Gesellschaft“, sagt Klatt. Die Abkehr von vorgegebenen Lebensentwürfen und das Recht auf mehr individuelle Freiräume sind eine Errungenschaft der 68er. Doch Klatt sagt auch: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“ Die große individuelle Freiheit habe auch Überforderungseffekte und Orientierungslosigkeit für die folgenden Generationen zur Folge gehabt.

Und der einsetzende Prozess der Individualisierung hat laut Klatt noch einen weiteren Aspekt: „Die 68er waren nicht per se kapitalismuskritisch. Es gab auch eine Individualisierung im Sinne des modernen Arbeitsmarktes. Der Historiker fasst diese Prozesse unter dem Begriff „Selbstoptimierung“ zusammen.

Der heiße April 1968

Kaufhausbrände in Frankfurt: Polizei und Feuerwehr sichten am 3. April 1968 den Schaden im Kaufhof.

Die Zugewandtheit der 68er zum Kapitalismus scheint zunächst schwer vorstellbar, wenn der Blick in die Vergangenheit schweift: Am 2. April 1968 verüben Linksradikale Brandanschläge in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Zu den schnell ermittelten Tätern gehören die späteren RAF-Begründer Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

Im Frühjahr 1968 radikalisiert sich der politische Protest der Studentenbewegung. Am 11. April schießt der Gelegenheitsarbeiter Josef Bachmann in Berlin auf Rudi Dutschke. Der Studentenanführer – Feindbild Nummer eins vor allem der Springer-Presse – wird lebensgefährlich verletzt. Es folgen schwere Krawalle; Demonstranten blockieren in Berlin die Auslieferung der Bild-Zeitung und der BZ – sie geben dem Springer-Verlag eine Mitschuld an dem Attentat.

Anführer der Studentenproteste: Rudi Dutschke.

Ein getarnter V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes schleppt Molotowcocktails heran, einige Studenten greifen zu. 15 Lieferwagen des Konzerns werden beschädigt, zwei Demonstranten überfahren, sie erleiden Knochenbrüche. Auch in anderen Städten wird der Verlag Ziel von Blockaden und Brandanschlägen.

1968 als Katalysator

Aber: 1968 war eben nicht nur politischer Protest. Für viele junge Leute ist das schamhafte Verschweigen von Sexualität, die Unterdrückung sexueller Triebe gleichbedeutend mit einer Deformierung der Persönlichkeit. Manchen gilt sie sogar als Ursache für die Gräuel des Nationalsozialismus. Freie Liebe, weibliche Lust, Orgasmus für alle – die Zeit scheint reif für eine sexuelle Revolution. Es gibt die Anti-Baby-Pille, die erstmals das Ausleben der Lust ohne Angst vor ungewollter Schwangerschaft ermöglicht.

Letztlich finden 1968 verschiedene Strömungen zusammen, die zusammen gehören – oder auch nicht. 1968 ist ein Jahr der historischen Verdichtung, sagt Klatt. „1968 hat oft eher als Verstärker, denn als Auslöser gewirkt.“ Viele Aspekte entstanden bereits zuvor, die Frauenbewegung etwa, die Werke und das Wirken Herbert Marcuses oder auch die Pop-Kultur.

Eigene Überhöhung

Das alles vermengt sich 1968, als die erste Nachkriegsgeneration erwachsen wird. Nicht zuletzt sei die Retrospektive auf die 68er auch eine Überhöhung der eigenen Generation, gibt Klatt zu verstehen. Die Erinnerungskultur der 68er selbst sei prägend für unsere heutige Wahrnehmung. „Letztlich war die Gesellschaft 1968 schon nicht mehr so konservativ, wie sie manchmal dargestellt wird.“ (mit epd)

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