Schatzsuche im Archiv

Langzeitprojekt der Göttinger Akademie gibt Einblicke in Europas frühe Neuzeit

+
Lange vergessen: Im Londoner Nationalarchiv lagert in 4000 Boxen Schrift- und Sachgut aus der Zeit der Seekriege – darunter allein 160 000 Briefe, von denen sich Historiker vielfältige Einblicke in Europas frühe Neuzeit versprechen.

Göttingen. Ungeöffnete Briefe, Tage- und Logbücher, Frachtlisten und Verwaltungsakten, die in 4000 Boxen in den Londoner National Archives lagern, lassen das Herz von Historikern höher schlagen.

Denn was genau in den Kisten steckt, wird sich erst während des Forschungsprojekts „Prize Papers“, das die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen als neues Langzeitprojekt aufgenommen hat, zeigen.

20 Jahre sind veranschlagt, um das Material aus der Zeit zwischen 1600 und 1817 – darunter allein 160 000 Briefe – zu erfassen, zu digitalisieren und in einer Datenbank zu veröffentlichen.

„Es ist wie eine Schatzsuche“, sagt Projektleiterin Prof. Dr. Dagmar Freist, die an der Universität Oldenburg Geschichte der Frühen Neuzeit lehrt. Die lange vergessenen Dokumente stammen allesamt von Schiffen, die während der verschiedenen Seekriege von Engländern gekapert wurden. Dies war ein legitimes Mittel der Kriegsführung. Um vor Gericht beweisen zu können, dass ein Schiff laut Kriegsrecht tatsächlich feindlich war, beschlagnahmte man das gesamte Schrift- und Sachgut an Bord. Nach der Entscheidung des High Court of Admiralty in London wurden die Papiere eingelagert und vergessen.

Rund um den Globus

Für Historiker ist das Material so interessant, weil es vielfältige Einblicke in die Welt des späten 16. bis frühen 19. Jahrhunderts bietet. Denn die Papiere haben nicht zwangsläufig mit der Schifffahrt zu tun, sondern befanden sich zufällig an Bord – als Eigentum von Passagieren oder Post auf dem Weg rund um den Globus.

„Wir sind sehr neugierig. Es handelt sich um eine Zufallsüberlieferung von Schrift- und Sachgut, das sonst nicht den Weg in ein Archiv gefunden hätte“, sagt Freist. Besonders sei an den Dokumenten, dass sie die Sichtweisen ganz normaler Menschen zeigen.

Und sie lassen erkennen, dass Menschen und Waren lange vor dem Zeitalter der Globalisierung um die Welt zogen oder gehandelt wurden. Es waren nicht nur Beamte und Soldaten der Kolonialmächte, Seeleute und Händler, die in weit entfernte Weltgegenden reisten, oder Menschen, die versklavt wurden. Dazu kamen Armutsemigranten, die Europa den Rücken kehrten. Zum Teil sehr persönliche Briefe zeugen davon, wie es Männern und Frauen erging, die ihre Familie zurückgelassen hatten.

Nur per Schiff war es möglich, Post um die Welt zu schicken. Briefe brauchten manchmal ein halbes Jahr. Wie Familien über so weite Entfernungen funktionierten, wird in einem der Forschungsprojekte untersucht. „Ein sehr politisches Thema“, sagt Freist mit Blick auf die aktuelle Migration.

Auswanderer

Im 18./19. Jahrhundert geschah die Auswanderung nur unter umgekehrten Vorzeichen: Die Menschen kamen nicht nach Europa, sondern verließen den Kontinent in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wie sich Auswanderer in der Fremde fühlten, mit klimatischen Veränderungen, Krankheiten, anderen Sitten und Gebräuchen zurechtzukommen versuchten, wie neue Klänge, visuelle Eindrücke, unbekanntes Essen und Gerüche wahrgenommen wurden, ist Thema einer anderen Arbeit.

Privatleute, die Geld hatten, ließen nicht nur Briefe, sondern auch Gegenstände, wie die Papageien, Stoffe oder Gewürze mit dem Schiff nach Europa transportieren. Komplett erhalten ist zum Beispiel das Briefarchiv des Hamburger Kaufmannes Nicolaus Gottlieb Lütkens (1716-1788) aus dem Beginn seiner Laufbahn.

Auf sehr unterschiedliche Weise sind die Prize Papers so Zeugnisse einer Zeit der europäischen Expansion, der Seekriege, der Missionierung, des Sklavenhandels, der Migration und Entdeckungen. Freist: „Wir sind fasziniert von dieser Überlieferung und das wird auch anhalten.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.