Leben mit Geheimnis: In Göttingen lernen Erwachsene Lesen und Schreiben

Leichter lesen: Susa Karnick (links), Lehrerin an der VHS, und Caroline Kurz, Mitarbeiterin beim Regionales Grundbildungszentrum, mit dem Plakat, das der Mann selbst geschrieben hat. Foto: Müller

Göttingen. In Deutschland können 7,5 Millionen Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben. Oft gelingt es ihnen, ihr Problem jahrelang zu verheimlichen - weil sie sich schämen.

„Ich habe alles verheimlicht. Nur meine Frau wusste von meinem Problem. Aber irgendwann war die Belastung einfach zu groß“, sagt der 57-Jährige, der anonym bleiben möchte. Zu groß ist seine Angst vor Mobbing und vor Hänseleien. Der wortgewandte Mann sitzt im Schulungsraum der Volkshochschule (VHS) Göttingen. Dort lernt er seit zwei Jahren lesen und schreiben - noch einmal ganz von vorn.

Bereits in der zweiten Klasse standen die ersten Vierer und Fünfer im Zeugnis. „Aber meine Mutter wollte nicht, dass ich auf die Sonderschule gehe“, erzählt er. Seine sechs Geschwister und er hätten nur wenig Unterstützung bekommen, die Eltern waren arbeiten. Das Geld fehlte trotzdem. „Nur zwei meiner Geschwister können richtig lesen und schreiben. Einer ist sogar Beamter“, sagt der Mann.

Keine Unterstützung

Die fehlende familiäre Unterstützung war aber nur der Anfang: Durch eine starke Mittelohrentzündung habe der 57-Jährige als Kind nicht alles aufnehmen können. So sei ihm das Schreiben und Lesen noch schwerer gefallen.

„Als ich zehn Jahre alt war, wurde Legasthenie bei mir festgestellt.“ Diese habe eine spezielle Förderung nötig gemacht. Als seine Eltern die Zuzahlungen nicht mehr leisten konnten, sei der Unterricht schon nach einem Jahr eingestellt worden. Als dann schließlich noch eine längere Krankheit hinzukam, habe er den verpassten Schulstoff nicht mehr aufholen können.

„Ich kam dann in eine spezielle Klasse. Wir waren neun Schüler“, erzählt der 57-Jährige. Doch dort sei es nie darum gegangen mit den Kindern die Defizite aufzuholen. „Ich war da nur, weil ich die Schulpflicht erfüllen musste.“

So drehte sich die Spirale weiter. Die Schule verließ der Mann mit 14, begann sogar eine Lehre. „Aber die Aufsätze konnte ich nicht schreiben.“ Weil er sich geschämt habe, begann er schließlich die Berufsschule zu schwänzen. „Obwohl ich praktisches Wissen hatte, konnte ich so die Prüfung nicht bestehen.“

Problem über Jahre versteckt

Dennoch hatte der 57-Jährige Glück. „Ich war Vorarbeiter und habe in einer Firma eine Abteilung geleitet.“ Dass er überhaupt nicht lesen und schreiben konnte, sei nie bemerkt worden - und das, obwohl er 30 Jahre dort angestellt gewesen sei.

Die Strategie des Mannes: „Musste ich einen Brief schreiben, rief ich zu Hause an.“ Mussten Berichte geschrieben werden, habe er mit Kollegen gearbeitet, die Korrektur habe seine Frau zu Hause gemacht.

Als die Firma 2013 Insolvenz anmeldete, habe er erneut den Boden unter den Füßen verloren. Nach einem Herzinfarkt bekam er psychische Probleme, als er wieder stabilisiert war, holte er sich Hilfe. „In der Reha wurde mir die VHS empfohlen“, erzählt der 57-Jährige.

Dort lernt er nun zwei Mal wöchentlich das Lesen und Schreiben. Auch wenn es noch ein langer Weg ist, kann der Mann inzwischen schon viel. Die Zuzahlung von 72 Euro im Jahr leistet er selbst. „Es macht mich so stolz, selbst schreiben zu können.“

Schreiben lernen braucht Zeit

Gründe für eine fehlende Alphabetisierung können vielschichtig sein, erklären Susa Karnick und Caroline Kurz, von VHS und Regionales Bildungszentrum. Neben fehlender familiärer Unterstützung in der Kindheit seien Krankheiten häufig dafür verantwortlich, dass Erwachsene nicht richtig lesen und schreiben könnten.

Funktionale Analphabeten fangen oft nicht komplett neu an. „Bei vielen ist das, was sie gelernt haben, aber schon so lange her, dass sie alles vergessen haben“, erklärt Karnick. Weil das Problem oft unerkannt bleibe, fehle vielen Menschen der Mut, darüber zu sprechen.

Ein weiteres Problem: Wer nicht lesen kann, erfährt auch nichts von passenden Angeboten. „Wir erreichen diese Menschen nicht mit Schrift.“

Hätten sich Betroffene Hilfe gesucht, müssten Familie und Freunde Verständnis aufbringen. „Es wird oft unterschätzt wie anstrengend Schreiben lernen ist“, sagt Karnick. Funktionale Analphabeten seien Spätlerner, die nicht mit Schülern der ersten Klasse verglichen werden könnten. „Das dauert alles sehr viel länger.“

Im VHS-Kurs von Karnick sind neun funktionale Analphabeten angemeldet. Die Lehrerin arbeitet viel mit Hörübungen, beginnt mit einfachen, lauttreuen Worten wie „Mama“. „Wir lernen erst die Wörter die so geschrieben werden, wie wir sie sprechen.“

Sie setze auf eine Mischung aus individuellem Lernen und dem Lernen in der Gruppe. Zusätzlich nutze sie Karten und Bilder. Auch einfache Bücher wie „Das Wunder von Bern“ würden gemeinsam gelesen. „Das Wiederholen zu Hause ist dabei aber sehr wichtig“, sagt Karnick.

Grundbildung Lesen und Schreiben

Menschen, die auch kurze Texte nicht richtig lesen und schreiben können, gelten als funktionale Analphabeten. Im Gegensatz zu absoluten Analphabeten können sie einzelne Wörter erkennen. Von ihnen leben etwa 750 000 Menschen in Niedersachsen. Ein Drittel aller funktionalen Analphabeten ist zurzeit zwischen 50 und 64 Jahren alt. Laut der „leo. - Level-One Studie" der Universität Hamburg beherrschen 13 Millionen Erwachsene das Lesen und Schreiben nur auf Grundschulniveau.

Weitere Informationen: Für das Programm „Lesen und Schreiben von Anfang an“ der VHS können sich Interessierte bei Gundula Laudin, Tel. 05 51/49 52 13, laudin@vhs-goettingen.de, melden. Der „Lea Leseklub“, bei dem gesunde und behinderte Menschen gemeinsam lesen, findet drei Mal wöchentlich statt. Ansprechpartnerin: Nadine Jakobi, Tel. 01 51/158 765 79, lea-goettingen@web.de. Wer anonym bleiben will, findet Hilfe beim Alfa-Telefon unter Tel. 08 00/53 33 44 55. (chm)

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