LIB in Göttingen

Liberal-Islamischer-Bund (LIB): Deutschlandweit gibt es sieben Gemeinden - eine davon in Göttingen

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Die kleine Gemeinde des Liberal-Islamischen Bunds in Göttingen trifft sich monatlich Am Leinekanal 4, berichtet Frederike Güler.

Für eine aufgeklärte, zeitgemäße Auslegung des Korans tritt der Liberal-Islamische Bund ein. Eine seiner deutschlandweit sieben Gemeinden gibt es in Göttingen, die sich gegen religiöse Radikalisierung einsetzt.

Göttingen – „Gott hat Regeln aufgestellt, die der Mensch unhinterfragt zu befolgen hat, lehren konservative Moscheeverbände“, berichtet die Göttingerin Frederike Güler (37). Das hat die studierte Ethnologin und Wirtschaftshistorikerin, die mit Anfang 20 zum Islam konvertiert ist, nie überzeugt. Gott habe den Menschen Verstand gegeben, damit er nach dem Sinn der Regeln frage und sie den sich ändernden Zeitumständen anpasse.

Liberal-Islamischer Bund: Ob Kopftuch soll jede Muslima selbst entscheiden

„Nach dem klassischen islamischen Recht erben Frauen weniger als Männer“, nennt Güler ein Beispiel. Als diese Regel in der alten arabischen Gesellschaft eingeführt worden sei, hätten Frauen „gar nichts geerbt“. Damals sei das Gesetz fortschrittlich gewesen. Würden dagegen Frauen in Zeiten der Gleichberechtigung weniger erben, verkehre das den frauenfördernden Impuls des Islams in sein Gegenteil. 

„Das Kopftuch soll die Frauen schützen“, nennt Frederike Güler ein anderes Beispiel. Jede Muslimin in Deutschland müsse sich heute selbst fragen, ob und wann sie diesen Schutz benötige. Sie selbst trage im Alltag kein Kopftuch. 

LIB: Bund traut gleichgeschlechtliche Paare

„Aus unserer Sicht stuft der Koran Homosexualität nicht als Sünde ein“, betont Güler. Das mache ihren Verband für Schwule und Lesben aus muslimischen Zuwandererfamilien attraktiv. Diese würden in vielen konservativen Gemeinden diskriminiert. Der Bund zeige ihnen, dass andere geschlechtliche Orientierungen Teil der von Gott gewollten Vielfalt seien. Der Bund traue gleichgeschlechtliche Paare.

LIB Göttingen: Gegen religiöse Radikalisierung

„Wir betrachten den Islam zudem nicht als allein seligmachende Religion“, stellt Güler klar, die seit April 2018 stellvertretende LIB-Bundesvorsitzende ist. Die Göttinger Gemeinde, die einmal im Monat zum Gebet Am Leinekanal 4 zusammenkomme, leiste einen Beitrag gegen religiöse Radikalisierung.

LIB Göttingen: Islamischer Religionsunterricht an Schulen

Mit dem Institut für angewandte Kulturforschung hätten sie vor zwei Jahren das Projekt Radipräv gestartet, das in Schulen Präventionsarbeit leiste und Multiplikatoren ausbilde. Dort gehe es nicht zuletzt um die Diskriminierung von Muslimen. Ausgegrenzte Jugendliche seien leicht von radikalen Predigern zu manipulieren. 

„Wir treten zudem für islamischen Religionsunterricht in den Schulen ein“ sagt Güler. Schüler müssten dort ein pluralistisches Islamverständnis vermittelt bekommen, also nicht nur konservative, sondern auch liberale Standpunkte kennenlernen.

Die konservativen Moscheeverbände würden nach einer Studie der Deutschen Islamkonferenz schließlich nur ein Fünftel der fünf Millionen Muslime in Deutschland vertreten. Allerdings seien die aufgeklärten Muslime kaum organisiert. Der Liberal-Islamische Bund habe 250 Mitglieder, die Gemeinde in Göttingen, wo geschätzte 7500 Muslime lebten, zehn Mitglieder.

VON MICHAEL CASPAR

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