Premiere "Unter der Erde": Liebe unter Kunststoff-Planen

Im Land der Plastikplanen: Auf der kleinen Bühne im Deutschen Theater hatte das Stück „Unter der Erde“ europäische Premiere – mit starken schauspielerischen Leistungen von Elisabeth Hoppe (hier als Farida) und Anton von Lucke als Indalecio. Foto: DT/nh

Göttingen. Wer durch Südspanien fährt oder über Teile Andalusiens fliegt, der kann sie nicht übersehen: Flächen, Hänge, Täler zugepflastert, überzogen mit Kunststoff-Planen.

Unter ihnen wächst das Gemüse für Europa. Unter ihnen gibt es eine eigene Welt, mit originären Problemen: Familienfehden, Existenznöte, Diskrepanzen zwischen Einheimischen und Gastarbeitern aus Marokko. Im Deutschen Theater feierte am Sonntag ein Stück Europa-Premiere, das sich damit und mit einer Familie beschäftigt: „Unter der Erde“.

Das kleine Studio, das jetzt DT-X heißt, empfängt die Zuschauer standesgemäß: Plastikplanen überall, der Gang zum Sitzplatz führt durch die Welt der Folien. Paco Bezerras Story zeichnet ein düsteres Bild. Ein schwer kranker, dominanter Vater (Florian Eppinger), der seinen Nachlass ungerecht zwischen drei Söhnen regelt. Sohn 1, Angel (brilliant: Benjamin Kempf) ist ebenfalls schwer krank. Auch seinen Körper haben, wie den des Vaters, die Pestizide zerstört. Sohn 2, Feingeist Indalecio (super: Anton von Lucke) ist renitent und will die kriselnde Firma nicht übernehmen. Sohn 3, Josè Antonio (Emre Aksizoglu) ist annähernd so, wie es der herrschsüchtige Vater wünscht: unterwürfig, in der Spur. Mit ihm entwickelt der Vater die „teuerste Tomate“ der Welt, die endlich mehr Profit abwerfen soll und den Gemüsebaubetrieb aus der Billig-Produktionsspirale herausbringen soll.

So klar wie sie klingt, ist die gespielte Geschichte aber nicht. Da verschwimmen Gedanken und Realität – vor allem in der Hauptfigur Indalecio. Mit seiner Aufmüpfigkeit gefährdet er die Pläne des Vaters und des zum Haupterben bestimmten Jose Antonio. Auch, weil Indalecio eine Affäre mit der illegalen marokkanischen Einwanderin Farida (Elisabeth Hoppe) hat, um deren Leben er sich sorgt. Mercedes (auch Elisabeth Hoppe), ist eine Freundin von Farida. Sie bleibt blass als Bühnenfigur. Umso schillernder erscheint die Wahrsagerin, Schamanin „Die Fünfte Heilerin“ (noch mal Elisabeth Hoppe). Sie versucht die Gehirnwäsche bei Indalecio, um ihn auf Linie zu bringen. Das misslingt.

Deutlich spürbar für den Zuschauer sind die Wunden, die der Massen-Gemüseanbau in Spanien hinterlässt, eine zerstörte Umwelt, kranke Menschen, denen die Discounter in Europa die Existenzen bieten und gleichzeitig mit Billigpreisen bedrohen. Die Spirale dreht sich weiter.

Fazit: Ein beeindruckend von Antje Thoms (Regie) und Matthias Heid (Dramaturgie) in Szene gesetztes Stück. Mit einer – von Kunststoff-Planen dominierten – optisch reizvoller Bühne (Beni Küng), passendem Licht und trefflicher Musik – die auch vor düsteren, harten Stücken nicht zurückschreckt. Viel Beifall am Ende – vor allem für Anton von Lucke und die wandlungsfähige Elisabeth Hoppe.

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