Utopien und ein Ailton-Tor

Literaturherbst-Auftakt mit Uwe Timm auf dem Sartorius-Campus

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Göttinger Literaturherbst 2020: Auftakt auf dem Sartorius-Campus mit Uwe Timm – hier beim Signieren von Büchern.

Was Live-Veranstaltungen beim Göttinger Literaturherbst inbieten können und was sie in der Pandemie-Zeit bedeuten, zeigt gleich der Auftakt im Sartorius-Besucherzentrum am Freitagabend eindrucksvoll.

Göttingen –  Autor Uwe Timm und Moderator Torsten Hoffmann bieten wunderbare Unterhaltung, gehaltvoll, pointiert und humorvoll. Timm stellt sein Buch „Der Verrückte in den Dünen vor“.

Der Göttinger Literaturwissenschaftler Hoffmann ist ein bestens informierter Timm-Kenner, und der glänzende Schreiber Timm ist darüber sichtlich erfreut. So dreht sich das Gespräch um Timms Leben und Schaffen generell.

Die Corona-Zeit setzt Uwe Timm nur bedingt zu. Er arbeitet täglich acht bis zehn Stunden, sei quasi in Dauer-Quarantäne. Und dennoch habe sich bei ihm nun ein „verordnetes Nichtstun“ breitgemacht, ein „eigentümliches Leben“ mit viel Zeit auch zum Lesen. 

„Es wäre eigentlich eine Zeit der Besinnung, für Visionen darüber wie wir leben und was wir verändern könnten.“ Für den politischen Menschen Timm wäre es „interessant, wenn sich das politisch artikulieren würde.“ Gedanken und Ideen seien durchaus „vorhanden aber nicht gebündelt“.

Utopien wären nötig. Für Uwe Timm ist nicht das Erreichen des Zieles Utopie bedeutend. Spannend ist der Weg, die erntstehenden Veränderungen. Um Utopien, die letztlich die „Kraft der Wünsche freisetzen“ geht es auch in „Der Verrückte in den Dünen“, ein Sammelsurium von Erlebnissen, Erfahrungen, Fundstücken, die Timm wunderbar leicht und gedankenanregend erzählt.

Bewusst wählt der Südamerika-Kenner und -Liebhaber zum Lesen die titelgebende Geschichte. „Zwei Männer gehen am Strand entlang, dort, wo der Sand noch feucht und fest ist. Zu ihrer Rechten ziehen sich die Dünen nach Süden.“ Timm liest stockend, zögerlich – bis er die beiden so unterschiedlichen Typen, deren Tun beschreibt, dann wird er flüssiger, dynamischer. 

Auftakt: Vor der Lesung mit Uwe Timm (rechts) und Moderator Torsten Hoffmann, sprach Johannes-Peter Herberhold einleitende Worte.

Es geht um einen scheinbar wahnsinnigen, oder sagen wir unrealistischen Plan, darum, das Wandern der mächtigen Dünen nördlich von Mar del Plata zu stoppen, für den Bau einer Stadt der Zukunft. Eine Utopie. Timm schildert auch, was daraus geworden ist: Eine Stadt in den Dünen, aber eine die anders ist, wo es überall nach „Gras“ riecht, man „bekifft ist allein vom Umhergehen“. Die perfekte Utopie ist dort, wie fast immer, nicht zur Realität geworden, aber es ist etwas passiert am schönen Streifen an Argentiniens Küste.

Für Uwe Timm aber sind Utopien fast Zeit seines Autorenlebens von existenzieller Bedeutung. Denn er schätzt Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“, das Bild der konkreten Utopie, einer Gesellschaft mit einem aufgeklärten friedlichen Zusammenleben ohne weltanschauliche, religiöse Bevormundung. Für die Politik, „die immer ein Blick in die Zukunft sein sollte“, wünscht sich Timm die dauernde Auseinandersetzung mit Utopien – auch über die Literatur. 

„Sie bietet diesen Blick in die Zukunft.“ Augenzwinkernd fügt er an: „Ich glaube, Politiker lesen zu wenig.“ Darüber schmunzelt im Publikum, hinter der obligatorischenMaske, der Vizepräsident des Bundestages, Thomas Oppermann.

Dann liest Timm von den Graffiti-Writern in der Großstadt. Von deren Utopien. Deren Anti-Haltung. Er liest mit einer Betonung, die auch von Zuneigung zeugt. Oder ist es gar Bewunderung? Vielleicht dafür, dass diese Künstler – Autoren – ihre Sprachlosigkeit mittels Farbe und Formen zu sprechenden Bildern machen. Uwe Timm ist ein wacher Beobachter, kritisch Fragender und vor allem wunderbarer Erzählender, auch und gerade mit 80.

Zum lockeren Abschluss, erzählt Werder-Fan Uwe Timm noch von damals, vom 8. Mai 2004, als Werder Bremen – ausgerechnet in München – die Deutsche Meisterschaft perfekt machte, und „kleines dickes Ailton den Giganten Oliver Kahn narrte, der hilflos hinter dem ins Tor rollenden Ball herkrabbelte wie ein Kind einer Rassel. Auch eine Utopie, damals eine konkrete, heute aber eine gänzlich unrealistische, über die sich Hoffmann wie Timm noch heute diebisch freuen.

Die Lesung ist zu sehen auf Literaturherbst OnAir, wie alle anderen auch. Das Ticket für alle kostet 18 Euro: www.literaturherbst.com

Lesetipps: Uwe Timm, Der Verrückte in den Dünen, KiWi, 252 S, 20 Euro.

Uwe Timm, Ikarien, KiWi, 512 Seiten, 24 Euro.

„Wunschort und Widerstand: Zum Werk Uwe Timms“, Wallstein, 396 S., 29,90 Euro.

VON THOMAS KOPIETZ

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