Autorin mahnt vor Entmündigung

Literaturherbst: Yvonne Hofstetter sieht künstliche Intelligenz als Gefahr

Engagierte Mahnerin: Die Autorin Yvonne Hofstetter vor Schülern im Theodor-Heuss-Gymnasium.

Göttingen. Bedroht die Digitalisierung die Demokratie? Ja, sagt Yvonne Hofstetter. Mittwoch war sie zu Gast beim Literaturherbst und zuvor im Theodor-Heuss-Gymnasium.

Göttingen. Ist die Demokratie in der digitalen Welt gefährdet? Yvonne Hofstetter beantwortet die Frage mit einem eindeutigen Ja. Am Mittwoch war sie zu Gast beim Literaturherbst und vorab im Theodor-Heuss-Gymnasium (THG).

Dort traf sie auf interessierte Schüler der Politik-Wirtschaft-Kurse der Jahrgänge 11 und 12, auf wichtige Adressaten für das, was sie in beeindruckender, engagierter freier Rede über die Gefahr künstliche Intelligenz zu sagen hatte.

„Ich würde häufiger in Schulen sprechen, wenn ich eingeladen würde“, sagt die Münchnerin, die besonders in Bayern wenig angefragt wird.

Was ist Digitalisierung?

Im THG-Erdkunderaum stellt sie zunächst Fragen wie: Was ist Digitalisierung? „Technologie“ sagt ein Schüler. „Es ist weit mehr“, ergänzt Hofstetter: „Es ist die größte menschliche Kulturleistung der Menschen seit der Erfindung des Rades.“ Sie sagt aber auch: Künstliche Intelligenz sei nicht mehr abzuschalten. Sie ist da. Aber es gilt, sie zu erkennen, zu verstehen.

Mahnerin

Wer also erwartet, dass Hofstetter, die in ihrem Unternehmen künstliche Intelligenz schafft, ein Loblied darauf singt, täuscht sich. Sie ist eine Mahnerin: „Alles wird eine IP-Adresse haben“. Das heißt: „Messen, Auswerten, Prognostizieren und Entscheiden ist der Gang der Dinge.“

Militärtechnologie

Gemessen wird seit dem ersten iPhone 2007 ständig. Daten geben wir alle ab, mit unseren Smartphones. „Sie werden gescannt, vermessen. Sie lassen das zu. Warum? Wurden sie gefragt?“ Die Antworten auf ihre Frage gibt Hofstetter prompt: „Nein! Dieses Datensammeln und Auswerten ist nicht demokratisch legitimiert.“ Und: Die Ursprünge dafür lägen in der Militärtechnologie.

Grundrechte verletzt

Durch die Datennutzung werden Grundrechte verletzt. Die Privatsphäre wird aufgehoben, die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Denn je mehr bekannt ist, desto mehr muss sich jeder einzelne verändern. Alles Bekannte könnte zum Nachteil werden. „Sie verhalten sich nicht mehr so, wie sie es normalerweise tun würden. Wo bleibt die Handlungs- und Willensfreiheit?“

Aktiv werden

Hofstetter ruft auf zur persönlichen Wachsamkeit, aber auch zur Aktivität des Staates, um das Ausspähen, das in einer massiven Beeinflussung der Individuen endet, einzudämmen. „Die Gesetzgebung ist die schärfste Waffe der Demokratie“, sagt die Juristin.

Vernunft wichtig

Worte, die bei den Schülern wirken. Und eben sie nimmt die Autorin in die Pflicht: „Die Gestaltung liegt in ihrer Hand.“ Sich nicht auf Staat und Gesetze verlassen, das sei wichtig, Warum? „Weil sich im Silikon Valley die Köpfe nicht um die persönlichen Grundrechte und die Demokratie, scheren.“ Trotz aller Risiken und Bedrohungen: Yvonne Hofstetter setzt beim Einfangen der künstlichen Intelligenz auf den Faktor Mensch und Vernunft – und auf die Schülergeneration. „Sie haben die Möglichkeit Einfluss zu nehmen. Sie sind aufgerufen, etwas zu ändern.“ „Tun sie was!“ endet ein Vortrag, der in vielen Schulen gehalten werden müsste.

Yvonne Hofstetter, Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, C. Bertelsmann, 510 S., 22,99 Euro.

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