Preisträgerin Dorota Maslowska

Literaturherbst im Alten Rathaus: Sozialdiagnose in robuster Sprache

Sympathische, unerbittliche Beobachterin: Die polnische Autorin Dorota Maslowska, Samuel-Bogumil-Linde-Preisträgerin 2020, las zum Auftakt beim Göttinger Literaturherbst 2021.
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Sympathische, unerbittliche Beobachterin: Die polnische Autorin Dorota Maslowska, Samuel-Bogumil-Linde-Preisträgerin 2020, las zum Auftakt beim Göttinger Literaturherbst 2021.

Nach Prologen startete der Göttinger Literaturherbst am Samstag offiziell – und wie! Endlich kam eine der beiden Samuel-Bogumil-Linde-Preisträgerinnen 2020, Dorota Maslowska, dazu, den deutsch-polnischen Literaturpreis entgegenzunehmen – vor allem aber, um zu lesen und zu erzählen: über ein besonderes Werk, ihr Buch „Andere Leute“.

Göttingen – Ein Buch, dass man in dieser krassen Sprache Dorota Maslowska nicht zutraut. Dieser 38 Jahre jungen Frau, deren Gesicht beim ohnehin schon sympathischen, weichen Lächeln auch noch Grübchen zeigt. Robust aber ist die Sprache in „Andere Leute“, so hart, dass der formidable Übersetzer und gleichzeitig Moderator Olaf Kühl, Dorota fragt, ob sie gar kein Mitgefühl mit ihren Personen im Buch, wie den 32-jährigen Kamil, zeige. Durchaus sagt Maslowska. Aber das reale Leben, das sie wie über ein Radar aufnehme, zu schildern, das könne sie gar nicht anders.

So hat sie einen eigenen Stil für ihre Bücher gefunden, was schon seit dem herausragenden Debüt „Schneeweiß und Russenrot“ 2003 von der deutschen Kritik gelobt und auch in Polen mit dem wichtigsten Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Schonungslos beschreibt Maslowska die Geschichte von Kamil, der von der Karriere als Rapper träumt, der aber noch bei Mama in Warschau wohnt, dealt, als Klempner jobbt und eine verheiratet Kundin befriedigt. Deren, ihm unbekannten Ehemann, verkauft er Drogen.

Warschau als Ort der Handlung ist für Maslowska eine Stadt, in der „das Ausmaß der inoffiziellen Gewalt unter den Menschen“ spürbar ist. „Die Stadt steht unter hoher Spannung.“ Viele Menschen gehen dorthin, um Karriere zu machen. „Sie mögen sich untereinander nicht. Es geht um den Aufstieg in der Hierarchie, der vielen von vornerein verwehrt ist. Es geht um das Krebsgeschwür der Gesellschaft – das Anhäufen von Gütern, Reichtum“.

Ehre: Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Göttingen – die polnische Autorin Dorota Maslowska am Samstag bei der Literaturherbst-Veranstaltung im Alten Rathaus mit Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler.

So ist die harte Sprache ihrer Protagonisten nicht diffamierend oder bloßstellend. Sie spiegelt das Leben der Menschen, die keine Karriere machen (können). Es ist eine persönliche Geschichte um Liebe, Einsamkeit, Gewalt – Maslowska zeigt auch Fremdenhaus und politische Auswüchse im aufstrebenden Nationalismus, befeuert von der polnischen Regierung.

Das „ungeheure Ausmaß“ dessen hat für Maslowska historische Gründe. So eine „falsche Erinnerung“ an den Kommunismus und Sozialismus. „Das schafft eine „Vergangenheit, die es nicht gegeben hat.“

„Andere Leute“ ist, wie Moderator Kühl vortrefflich bilanziert, „eine ungeheuer aktuelle Sozialdiagnose“ für die Gesellschaft in Polen. Dass die Story verfilmt wurde, ist kein Wunder. Das Stück wird auch in Polen von Theatern gespielt, „was viel besser dazu passt“, sagt Dorota, die ohnehin ihr Werk viel lieber „immer wieder anders“ im Theater sieht, als es selber „langweilig vorzulesen“. Vielleicht findet „Andere Leute“ ja einen Weg auf Göttinger Bühnen – die polnisch-deutsche Partnerschaft ist eng. Also: Dramaturgen hergehört!

Wer nun glaubt, die Lesung hat eine trübe pessimistische Stimmung verbreitet, der irrt! Es wurde viel gelacht, denn Dorota Maslowska hat einen verschmitzten Humor und eine fast weiche Ironie – und das passt dann wieder zu ihrem Erscheinungsbild.

Übrigens: Das nächste Buch von Dorota Maslowska wird „David Bowie in Warschau“ heißen..

Dorota Maslowska, „Andere Leute“, Rowohlt, 156 S., 10 Euro. (Thomas Kopietz)

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