Göttinger Literaturherbst

Joachim Gauck - Kämpfer für Toleranz und gegen Extreme

Grenzerfahrener Erklärer: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck beim Literaturherbst 2019 im Deutschen Theater, wo er über sein Buch „Toleranz – einfach schwer“ und die Grenzen der Toleranz sprach. Foto: Thomas Kopietz

Joachim Gauck hat am Sonntag während einer Literaturherbst-Matinee aus seinem Buch „Toleranz – einfach schwer“ gelesen und darüber mit „Zeit“-Redakteurin Özlem Topcu ausgiebig gesprochen.

Am Ende erheben sich die Zuschauer im ausverkauften Deutschen Theater und applaudieren lang anhaltend. Gauck genießt diesen Moment und wer genau hinschaut, erkennt die feuchten Augen. Er ist gerührt. Er hat sich zuvor als emotionaler Kämpfer für eine weltoffene, liberale und tolerante Gesellschaft gezeigt. „Dafür möchte ich werben“, sagt er und entdeckt dabei den Pädagogen in sich.

Grenzen der Toleranz

Der Autor Gauck wurde für eine Kernaussage seines Buches schon vor dem Erscheinen im Sommer gescholten: Er plädiert darin nämlich auch für eine Akzeptanz und Toleranz gegenüber dem Konservatismus – „so lange er nicht demokratie- und verfassungsfeindlich ist“, stellt Gauck, darauf angesprochen, im DT klar. Toleranz dürfe, ja müsse in bestimmten Fällen letztlich auch in Intoleranz münden, denn „Extremes ist abzulehnen“.

Gerne sprechen will Gauck über das Thema Angst, die Angst vor dem Ungewissen, dem Unbekannten, das sich gerade Extremisten zunutze machen. 44 Prozent der Menschen in Deutschland haben Angst vor einem Risiko und somit auch vor dem Unbekannte sowie der Veränderung der traditionellen Werte, erklärt Gauck wertfrei. Diesem Grundkonservatismus sollte man sich nicht schämen, aber man müsse um ihn wissen, weil eben darauf Ängste gründeten, wie die Angst vor der Vielfalt der Möglichkeiten.

Veränderungen stellen

Sich der Veränderung, auch der Zuwanderung von Menschen stellen, sich mit deren Gewohnheiten befassen, auch darüber sprechen und laut streiten, das will Joachim Gauck, der Mann mit der exemplarischen deutschen Ost-West-Vergangenheit, die ihn über den Protest in Kirchen, der politischen Arbeit bis ins höchste Staatsamt führte.

Aufgewachsen sei er mit vorgelebten Attributen wie Höflichkeit und Respekt. Heute weiß er: „Die Welt besteht auch aus Ekelpaketen.“

Intellektueller mit Humor

Joachim Gauck ist ein Mann mit Hintergrund, ein Intellektueller, belesen, aber dabei nie abgehoben. Er spricht die Sprache vieler Menschen und quasi druckreif. Und er hat Humor, den er gerne zeigt: Als „Ossi“ und Mecklenburger sei er in Kreuzberg „zwangsdönerisiert“ worden, habe festgestellt, dass der Döner durchaus eine Bereicherung sei.

Grundliberaler Ansatz

Über die Deutschen sagt Gauck mit verschmitztem Lächeln: „Die Deutschen können Freiheit, aber selten.“ Über Kritiker: „Ich bin einigen nicht links genug.“ Über sein Buch: „Mein Buch hat einen grundliberalen Ansatz – im Sinne einer offenen Gesellschaft“. Die Veranstaltung im DT empfindet er als etwas ganz Besonderes. Wohl, weil so viele zuhörende offene, liberale, denkende Menschen seine Meinung und sein Bemühen für die Toleranz und den Streit darum teilen. So steht Gauck auf der Bühne, ist ein wenig beschämt über so viel Zuspruch - und innerlich ein wenig stolz.

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