Werkschau einer „anderen“ Fotografin

Literaturherbst: Werkschau und „Faszination Wissenschaft“ mit Herlinde Koelbl in Göttingen

Literaturherbst 2020: Herlinde Koelbl erzählt über ihr Lebenswerk.
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Literaturherbst 2020: Herlinde Koelbl erzählt über ihr Lebenswerk.

„Science and Arts“, Wissenschaft und Kunst heißt die Reihe im Literaturherbst,zu der am Mittwochabend eine Fotografin eingeladen ist, die diesen Titel in Perfektion verkörpert: Herlinde Koelbl, deren Fotos sich in vielen Köpfen verankert haben. Ihr aktuelles Werk ist „Faszination Wissenschaft“, Porträts und Interviews mit herausragenden Naturwissenschaftlern.

Göttingen – Zunächst aber stellte Koelbl im Alfred-Hessel-Saal Teile ihres Lebenswerkes vor, das großartige fotografische Einblicke liefert. Die Zeitreise beginn in den 70ern. Koelbl schaute damals mit der Kamera in deutsche Wohnzimmer, und die Bewohner durften sich so postieren, wie sie wollten. Die Bilder verraten viel über die Philosophie der Fotografie-Autodidaktin Herlinde Koelbl: „Ich gebe wenig vor.“ So entscheiden die Personen über ihre Eigendarstellung. Die Motive machen das Motiv. „Das Ergebnis ist wie eine Familienaufstellung – verrät viel über die Menschen und ihre Beziehungen.“

Herlinde Koelbl will mit ihren Fotografien stets mehr als ein inszeniertes Bild liefern. „Mich interessiert immer, was hinter der Fassade ist, die Geschichte der Menschen.“ Das zeigen auch die Fotos aus den 80er-Jahren – „als die Menschen noch gerne zeigten, was sie hatten“ –, die Koelbl auf Empfängen der feinen Gesellschaft machte.

Noch markanter aber sind die Politiker-Porträts in „Spuren der Macht“, dem Fotobuch, das medial groß herauskam. An das Projekt ging sie mit wissenschaftlicher Akribie und Vorgehenweise heran: immer derselbe Hintergrund, dasselbe Licht, dieselbe Kamera in Fotosessions – über Jahre hinweg. „Gerhard Schröder habe ich 15 Jahre fotografiert – die Entwicklung zum Kanzler, die Zeit als Kanzler bis zum danach „als die Ölverträge gemacht waren“ wird greifbar, plastisch – via brillanter Schwarz-Weiß-Porträtfotos.

Auch bei Angela Merkel, die 1998 erstmals mit ihren Händen die Raute bildete und mittlerweile – Koelbl fotografiert die Kanzlerin immer noch – ihre Sekretärin fragte: „War in diesem Jahr die Koelbl eigentlich schon da?“

Über die Stars und Promis erzählt Koelbl wenig. Sie wahrt Distanz, um den Menschen dennoch nah zu sein, und sie schaut sich die Porträtierten genau an. Das magische für Koelbl ist die Körpersprache. Am deutlichsten wird das in „Kleider machen Leute“. Ihre Erkenntnis dabei: „Uniformen machen die Menschen aufrechter.“

Literaturherbst 2020: Fotografin Herlinde Koelbl zeigt ihr neues Buch „Faszination Wissenschaft“ mit Fotos und Interviews.

Das große Interesse für und an Menschen gipfelt heute in intensiven Interviews, denn zum Fotografieren kam das Schreiben hinzu. Wie prima das zusammenpasst, zeigt „Faszination Wissenschaft“. Die porträtierten Forscher hat Koelbl mit einem genialen Trick gelockert und in Szene gesetzt: Sie schrieben ihre Formeln und wichtigsten Aussagen auf die Handfläche und hielten sie in die Kamera. Mit am meisten geprägt haben Herlinde Koelbl die jüdischen Porträts, auch, weil sie lange Gespräche führte, so Zugang fand. Heute sagt sie: „Ich habe dabei gelernt, die Stille auszuhalten.“

Ihre Projekte dauern oft lange, einen Vorvertrag mit einem Verlag hatte sie aber nie: Das verschaffe ihr die nötige Freiheit und die Zeit für die Arbeit. Denn: Zeitdruck mindere und verenge den feinen Blick für Dinge und Menschen, auch für Details. „Man könnte viel mehr sehen, wenn man sehen würde.“ Herlinde Koelbl sagt das und schreibt den großartigen Satz als Widmung in ein Buch. (Thomas Kopietz)

Herlinde Koelbl „Faszination Wissenschaft“ – 60 Begegnungen mit wegweisenden Wissenschaftlern unserer Zeit, Knesebeck, 352 S., 35 Euro.

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