Ver.di-Mann der Region geht in Ruhestand

Lothar Richter: 35 Jahre Einsatz für Angestellte und gefürchtet bei Chefs

An der Wirkungsstätte: Gewerkschaftssekretär Lothar Richter bei der Arbeit in seinem Göttinger Büro. Foto: Schlenz

Göttingen. Seinen letzten Fall schließt er gerade ab, letzte E-Mails werden beantwortet, Telefonate geführt. Gewerkschaftssekretär Lothar Richter geht in den Ruhestand.

Genauer: Er wechselt in die passive Phase der Altersteilzeit, bevor 2019 endgültig die Rentenzeit beginnt. Seine Kollegen verabschiedeten ihn am Freitag in der Göttinger Ver.di-Geschäftsstelle.

Zeit, für den Bodenfelder Lothar Richter, zurückzublicken auf ein bewegtes Berufsleben, auf 35 Jahre Gewerkschaftsarbeit und Einsatz für Arbeitnehmer. „Am meisten werde ich viele soziale Kontakte vermissen“, sagt er wehmütig hinter seinem Schreibtisch mit Blick auf die Groner- Tor-Straße. „Das Fahren aber auch.“ Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich wirken, aber Richter erklärt: „Mir hätte es nie gefallen, am selben Arbeitsplatz zu sein. Ich bin viel rumgekommen, habe meinen Horizont erweitert.“

Richter stammt aus einer Arbeiterfamilie, sein Vater arbeitete nach dem Krieg bei den Uslarer Ilse-Werken. Das hat ihn geprägt. Bereits nach der Ausbildung als Bankkaufmann bei der Sparkasse setzte er sich für die Belange der Arbeitnehmer ein und eckte an:

„Ich bin ein Unbequemer. Mein Chef sagte: Einer von uns beiden hier ist zu viel.“ Als er an einem Austausch mit den Niederlanden nicht teilnehmen durfte, habe er sich gegen die Bankerkarriere und für die Gewerkschaft entschieden. „Das lag nahe. Ich habe mich zuvor in der gewerkschaftlichen Jugendarbeit engagiert.“

So wechselte er 1982, im Jahr als Helmut Kohl Kanzler wurde und die Massen gegen den NATO-Doppelbeschluss demonstrierten, zur Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG). „Das waren bewegte Zeiten damals“, betont der 62-Jährige, der heute in Bodenfelde lebt.

Inzwischen interessierten sich weniger junge Menschen für gewerkschaftliche Arbeit. „Das ist bedauerlich“, meint Richter. Er habe von den Beschäftigten für seine Arbeit immer viel zurückbekommen.

Zwei Leitsätze hätten ihn angetrieben: „Geht nicht gibt’s nicht“ und „Kommunikation ist alles.“ Als Betreuer für die Angestellten der Sparkassen, Banken und Versicherungen sei ihm die Ausbildung zugutegekommen. „Man versteht die Probleme der Beschäftigten besser und die Arbeitgeber nehmen mich ernster“, betont Richter.

Obwohl er auf Gespräche auf Augenhöhe setzt, ist er bei einigen Chefs gefürchtet: „Nicht alles ist Konsens. Wenn es darum geht, Rechte durchzusetzen, bleiben Streik oder das Arbeitsgericht als letzte Mittel.“

Gerne erinnert er sich an spektakuläre und kreative Proteste, wie in Bovenden, wo Gewerkschaftsmitglieder mit der Kettensäge von einem Baumstamm mit Papiergeld symbolisch „eine Scheibe abschnitten“.

Auf eines habe er sich immer verlassen können: Seine Familie, die ihm den Rücken stärkte und akzeptierte, dass er oft nicht zuhause sein konnte. „Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie mich in all den Jahren unterstützt hat.“

Dennoch wird Lothar Richter wohl in Zukunft nicht langweilig werden: Als Ratsmitglied in Bodenfelde, Hobbyfotograf und Großvater hat er weiter viel zu tun. Die Enttäuschung über den einst versagten Niederlande-Austausch hat er abgehakt: Richters Schwiegersohn ist Niederländer.

Zur Person

Lothar Richter (62) ist seit 35 Jahren als hauptamtlicher Gewerkschafter tätig. Nach der Lehre und anschließender Beschäftigung als Sparkassenkaufmann bei der Kreissparkasse Northeim von 1971 bis 1981, wechselte er 1982 zur Deutschen Angestellten Gewerkschaft (DAG). In Nordthüringen baute er nach der Wende die Gewerkschaft mit auf, bevor er 2001 an der Gründung von Ver.di in Göttingen und Südniedersachsen beteiligt war. Dort war er zuletzt für die Betreuung der Angestellten der Sparkassen, Banken und Versicherungen in Südniedersachsen zuständig. Als Pressesprecher hielt er den Kontakt zu den örtlichen Medien. Richter lebt in Bodenfelde. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. 

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