Uni Göttingen: Seil im Auffangnetz für verfolgte Wissenschaftler

Uni-Außenministerin: Prof. Dr. Hiltraud Casper-Hehne.

Göttingen. Die Universität Göttingen ist an einem Netzwerk für verfolgte Wissenschaftler beteiligt. Wir haben mit der "Uni-Außenministerin" über ihre Arbeit gesprochen.

Das Wort Netzwerk wird oft strapaziert, auch wenn es bildhaft wie tatsächlich die Anforderungen daran nicht erfüllt. „Scholars at Risk“ (SAR) ist ein Netzwerk im Sinne des Wortes: ein Auffangnetz, in das verfolgte oder gar verhaftete Wissenschaftler fallen können, ein Netz, das Halt bietet. Die Universität Göttingen ist daran beteiligt.

Neu im Netz dabei

2016 hat die Uni Göttingen einen weiteren Schritt in die Welt getan: Neben den Kooperationen mit Universitäten in zahlreichen Staaten, ist die Georgia Augusta jenem weltumspannenden Netzwerk beigetreten, das bedrohten oder verfolgten Wissenschaftlern Hilfe anbietet, ja sogar die Chance ermöglicht, an anderen Universitäten aus dem SAR-Netz zeitweise zu forschen und zu arbeiten.

Die Vize-Präsidentin für Internationales, Prof. Dr. Hiltraud Casper-Hehne, ist für die weltweiten Beziehungen der Universität Göttingen zuständig. Der Beitritt ins Netzwerk „Scholars at Risk“ schien für sie so sinnvoll wie notwendig, in einer Phase der Internationalisierung: Ihre Universität gehört nun zu etwa 400 Bildungseinrichtungen in 39 Ländern auf der Welt, die Wissenschaftler unterstützen, die aufgrund ihrer Forschung politisch unter Druck gesetzt, bedroht oder verfolgt werden.

Probleme in 25 Ländern

„Vision und Ziele von SAR betreffen die grundlegenden Werte der wissenschaftlichen Gemeinschaft, die Freiheit von Forschung und Lehre.“ Ein fast staatstragender Satz, den Hiltraud Casper-Hehne mit Überzeugung sagt. Ein Satz aber, der in mehr als 25 Staaten so nicht gelebt wird: Dort können Wissenschaftler nicht so frei arbeiten, wie es sein sollte und wie sie es gerne würden.

Türkei als Negativbeispiel

„Die Türkei ist ein aktuelles Beispiel dafür, was passieren kann: auch, dass Wissenschaftler aus ihrer Arbeit gerissen werden, von einem Tag auf den anderen“, sagt Casper-Hehne.

2016 nach dem Putschversuch ließ der türkische Präsident Recep Erdogan – auch von Fernsehkameras beobachtet – Kliniken und Institute schließen. Mitarbeiter, Ärzte, Wissenschaftler standen auf der Straße. Ihnen wurde die Arbeit genommen, manche wurden eingesperrt.

350 Forschern geholfen

Schlimm ist die Situation vor allem in Syrien, im Iran, in Südafrika und im Irak, aber auch in Südostasien, Zentralasien und Lateinamerika sind Forscher und Uni-Lehrende Repressalien ausgesetzt. Immerhin: Mehr als 350 von ihnen fallen weich ins SAR-Netz, das angesichts der Bedürftigen gewiss noch fester gezurrt sein dürfte, was auch Casper-Hehne so sieht.

Welcome-Centre hilft

In Göttingen kümmert sich das Welcome-Centre der Uni generell um internationale Wissenschaftler und deshalb auch um jene, die in ihren Ländern Probleme haben. So war es auch bei Erdbebenkatastrophen und anderen Unglücksfällen. Dann hilft die Uni bei der Kontaktaufnahme mit Angehörigen und Hilfs- oder Nachführungsangeboten.

Stipendien

Für die Forscher stehen konkret auch Stipendien zur Verfügung, finanziert von SAR. Aber die Hilfe kann auch ganz anders aussehen: SAR und die Unis kümmern sich auch darum, inhaftierten Wissenschaftlern zu schreiben, den Kontakt zu halten.

600 Stellen vermittelt

Göttingen ist ein Punkt auf der Weltkarte der SAR-Länder – sie hilft die Statistik auszubauen: 2000 Forschende wurden seit 1999 unterstützt, 600 Stellen wurden vermittelt.

Das macht deutlich: Die Wissenschaft steckt vielerorts in Zwangsjacken. „Wir setzen uns für die akademische Freiheit ein.“ Ein Ziel für das sich zu arbeiten lohnt, was auch die „Uni-Außenministerin“ Hiltraud Casper-Hehne so empfindet.

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Mehr Informationen gibt es auf der Homepage des Netzwerks Scholars At Risk.

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