"Weil sie nicht gestorben sind:" Umjubelte Premiere im Deutschen Theater

Der König wird zum Kinderschänder: Karl Miller und Katharina Uhland in „Weil sie nicht gestorben sind“ am Deutschen Theater Göttingen. Foto: DT/Thomas Müller/nh

Göttingen. Märchen einmal anders erzählt: In der Uraufführung der Grimm-Trilogie „Weil sie nicht gestorben sind“ von Hannah Zufall werden die Figuren zu Fleisch und Blut mit allen menschlichen Sehnsüchten, Wünschen und Begierden. Das Publikum im Deutschen Theater zeigte seine Begeisterung mit Bravo-Rufen und lang anhaltendem Premieren-Applaus.

Früher, so heißt es in der Ankündigung, mäanderten Märchen in aller Munde. „Was also, wenn sich die Märchenfiguren aus den Grimm’schen Geschichten lösen und sich selbst wieder neu erzählen?“ So lehnt sich Allerleirauh nicht allein gegen ihren Vater auf. Sie mag ihre Rolle nicht nach den Grimm‘schen Regeln spielen und will nicht zur Frau ihres Vaters werden. Das Thema der inzestuösen Liebesbeziehung wird weitergespielt in „Brüderchen und Schwesterchen“. Denn weil der Junge seine Schwester begehrt, wird er in ein Reh verwandelt.

„Wir können das Märchen nicht ändern, aber neu auslegen“, lässt Hannah Zufall eine ihrer Märchenfiguren auf der Bühne sagen. Und genau das tut sie in ihrem Stück. In „Allerleirauh wird der König zum Kinderschänder. Auch Schwesterchen und Brüderchen lieben sich mehr, als gesellschaftlich erlaubt ist. In „Die sieben Raben“ lenkt Hannah Zufall den Fokus auf die unglaubliche Last der Schuld für Hinkelbeinchen. Sie wird zum Antrieb für ihre Suche nach den Brüdern.

Unglaublich ist die Leistung von Katharina Uhland, die sich mit einem Schlag von der verführerischen jungen Frau in ein unsicheres, kleines Mädchen verwandelt. Schon ihr Umzug von der durchscheinenden schwarzen Bluse mit enger Hose in verbeulte braune Kinderkleider – wahrscheinlich alte Sachen der verschwundenen Brüder –, illustriert die extreme Verwandlung. Uhland meistert sie so, dass sich der Zuschauer fragt, ob er auf der Bühne noch dieselbe Frau sieht. Mit ihren ungelenken Bewegungen zeigt sie als Hinkelbeinchen, wie schwer der Vorwurf der Schuld auf ihr lastet.

Für viele komische Momente sorgen König Karl Miller und Moritz Schulze als Untier, Gewohnheitstier und Albert. In seiner weißen Federrobe regiert der König nicht selten wie ein aufgescheuchtes Huhn. Die Kraft der Verführung zeigt Moritz Schulze, egal ob es um einen Biss in den Apfel oder um noch vieles mehr geht. Gemeinsam bescheren Miller, Schulze und Uhland den Zuschauern einen sehr unterhaltsamen, tiefsinnigen Abend mit märchenhaft schönen Bildern von Bühnen- und Kostümbildnerin Carolin Schogs.

Jeden einzelnen der vielen Bravo-Rufe und den langen Applaus haben die drei Schauspieler mit Autorin Hannah Zufall und dem Regieteam um Brit Bartkowiak verdient. (zul)

Nächste Aufführungen: 11. und 22. März, 2., 15. und 27. April, jeweils 20 Uhr, DT-2, Kartentel. 05 51/ 49 69 11.

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