Legendärer Tierfilmer wäre 100 Jahre alt 

Mahner und Schützer: Heinz Sielmann und die Ruhe der Natur

Glückliche Augen: Heinz Sielmann hält im April 2004 zwei Europäische Sumpfschildkröten in Linium (Ostprignitz) in seinen Händen. Er liebte auch die kleinen Tiere. Foto: dpa

Göttingen/Duderstadt. Heinz Sielmann wäre am Freitag 100 Jahre alte geworden. In Südniedersachsen liegt er auf Gut Herbigshagen begraben: Sitz der Sielmann-Stiftung.

Da war sie wieder, diese wunderbare, so unaufgeregte und doch mitreißende Erzählstimme. Eine Stimme, die viele der heute über 50-Jährigen als Kinder sogar noch nach der Tagesschau hören durften: Der hochsympathische Heinz Sielmann berichtete derart beruhigend von seinen Expeditionen ins Tierreich, dass selbst Filmbilder vom „bösen“ Wolf nicht im Traum wiederkehrten.

Der Tierfilmer Heinz Sielmann im Mai 2002 mit einer Kamera auf einem Stativ. Foto: dpa

Die Geschichten, die Sielmann erzählte, schuf die Natur. Er beobachtete und schilderte – durchaus auch humorvoll. Keine Szene war dramaturgisch gestellt, die aktuell angesagten hektischen Schnitte und die Ansammlung spektakulärster Bilder gab es nicht.

Ein Star war Sielmann, der im Oktober 2006 in München starb und Freitag 100 Jahre alt geworden wäre, dennoch oder vielleicht gerade deshalb. Neben dem Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzymek und dem Taucher Hans Hass wurde er zu „dem“ deutschen Tierfilmer – über Jahrzehnte. Den Ruhm, den der bescheidene Sielmann so gar nicht anstrebte, brachte ihm das Fernsehen: 1965 flimmerte die erste Sendung „Expeditionen ins Tierreich“ über die noch schwarz-weißen Mattscheiben. Bald sollte es bunt werden – und die Filme des Heinz Sielmann wurden noch faszinierender, begeisterten Menschen für die Natur, vor allem diejenigen, die wenig von ihr um sich herum hatten.

Mahner und Schützer

Der Filmer, Produzent und Autor Sielmann war in seinen hart erarbeiteten Reportagen auch ein Mahner vor der Naturzerstörung durch den Menschen. Es passte zu ihm, dass er ohne erhobenen Zeigefinger auskam. Sielmann wollte die Zuschauer über eine wachsende Liebe zur Natur zu deren Schützern machen – aber nicht erziehen. Wohlüberlegte Sätze beim Vertonen unterstützten diese Intention. Überhitzte Betonung inklusive Superlativ-Adjektive wie unfassbar und unglaublich, brauchte Sielmann nicht, einen Profi-Sprecher ebenso wenig.

Faszination im Kleinen

Natürlich zog es Sielmann hinaus in die Welt: zu den größten Tieren unsere Planeten, den Walen, Elefanten, Flusspferden. Die besondere Leistung des Naturfilmers aber bestand darin, im Kleinen, im Unspektakulären, wie auf dem Grund der heimischen Bäche und in Wiesen das Faszinierende zu entdecken und mit seinen erzählerischen Mitteln den Wasserfloh groß wie ein Rhinozeros wirken zu lassen.

Lebensziel Naturfreund

Der Naturfreund aus Berufung gründete 1994 mit Ehfrau Inge die Sielmann-Stiftung auf dem 100 Hektar großen Gut Herbigshagen nahe Duderstadt. Hier sollen Menschen, vor allem junge, die Natur lieben und sie schützen lernen sowie seltene Arten erhalten werden. Ein Lebenstraum ging in Erfüllung. Das Gut ist mit Aktionen und Ausstellungen auch eine dauerhafte Erinnerung. Bis zu seinem Tod war Sielmann dank der Natur ein zufriedener Mensch. Er fand das, was viele in der schnellen, digitalen Welt suchen: Ruhe. So liegt er in der Idylle bestattet, oberhalb des Guts Herbigshagen in der Franz-von-Assisi-Kapelle. Von einem kleinen Porträtrelief am Grabstein blickt Sielmann über die sanfte Hügel-Landschaft – zufrieden lächelnd.

Schon sind sie wieder da: die warme Stimme und die bleibenden Bilder aus den „Expeditionen ins Tierreich“. Als auf Sielmann ein Gorilla zukommt, dreht er sich vor dem Tier weg, senkt den Blick, um dem Silbernacken nur nicht in die Augen zu schauen. Dabei aber blickt Sielmann für einen Moment in die Kamera und spiegelt seine Gefühle: Ehrfurcht. Faszination. Glück – für diese Momente hat Heinz Sielmann gelebt.

Aktion am Sonntag

Am Pfingstsonntag gibt es auf Gut Herbigshagen viele Aktionen beim Familientag. Die Ausstellungen sind ebenfalls geöffnet.

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