Ab Montag Plädoyers

Transplantations-Skandal: Mammutprozess geht auf die Zielgerade

Göttingen. Versuchter Totschlag in elf Fällen und vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen: Wegen dieser Vorwürfe muss sich seit August 2013 der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Göttinger Universitätsklinikum vor dem Landgericht Göttingen verantworten.

Nach 20 Monaten ist nun das Ende des Mammutprozesses in Sicht. An diesem Montag will die Staatsanwaltschaft plädieren, an den Folgetagen sind die Plädoyers der Nebenklage und der Verteidigung geplant. Am 6. Mai will dann die Schwurgerichtskammer ihr Urteil verkünden.

Dem Göttinger Verfahren kommt eine Pilotfunktion zu: Es ist der erste Prozess, der sich um eine strafrechtliche Aufarbeitung des Transplantationsskandals bemüht. Das Urteil könnte daher auch eine Signalwirkung auf die weiteren Verfahren haben, die gegen Transplantationsmediziner anderer Kliniken anhängig sind.

An den vergangenen 62 Verhandlungstagen haben die Prozessbeteiligten ein immenses Arbeitspensum bewältigt. Die Kammer hat mehr als 100 Zeugen und neun Sachverständige gehört, manche auch mehrfach. Die Prozessakten umfassen inzwischen mehr als 60 Bände, dem Gericht liegen außerdem 38 Kartons mit Patientenakten und sonstigen Unterlagen aus der Universitätsmedizin Göttingen vor.

Der angeklagte Chirurg war von 2008 bis 2011 am Göttinger Klinikum tätig gewesen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 47 Jahre alten Mediziner vor, in elf Fällen durch Datenmanipulationen Patienten zu einer Spenderleber verholfen zu haben, die nach den geltenden Richtlinien keinen Anspruch auf ein Organ gehabt hätten. Damit habe er in Kauf genommen, dass andere Patienten, die wegen der Falschangaben auf der Warteliste von Eurotransplant nach hinten rutschten, möglicherweise verstarben. Außerdem soll er drei Patienten eine Leber eingepflanzt haben, obwohl eine Transplantation medizinisch nicht angezeigt gewesen sei. Die betroffenen Patienten waren später an Komplikationen verstorben. Der 47-Jährige bestreitet die Vorwürfe.

Die langwierigen Diskussionen um die rückwirkende Bewertung dieses Falles machten vor allem eines deutlich: Juristische Fragestellungen und Kriterien haben mit der klinischen Realität manchmal wenig zu tun. Nicht alles, was ethisch oder medizinisch fragwürdig erscheint, ist auch unter strafrechtlichen Gesichtspunkten relevant.

Auch nach dem Prozessende wird das Verfahren weiter die Gerichte beschäftigen. Dessen ist sich auch der Vorsitzende Richter Ralf Günther bewusst: „Egal, wie wir entscheiden werden, wird es eine Revision geben.“

Kommissionen und Konsequenzen

Neben der Justiz haben sich auch medizinische Institutionen um eine Aufklärung des Göttinger Transplantationsskandals bemüht. Prüfer der Bundesärztekammer stellten fest, dass es bei 79 von 105 untersuchten Transplantationen Richtlinienverstöße gegeben hatte. Eine interne Kommission suchte nach Antworten auf die Frage, wie es zu diesen systematischen Verstößen hatte kommen können. Die Gutachter machten dafür unter anderem eine „inädaquate Leitungskultur“ verantwortlich. Es habe ein „Klima von steiler Hierarchie, Repression und Angst“ geherrscht, in dem weder Transparenz noch Kritik erwünscht gewesen seien.

Die Universitätsmedizin Göttingen hat Konsequenzen aus dem Fall gezogen. Sie trennte sich von dem Leiter der Transplantationschirurgie, besetzte die Leitungsstelle neu, nahm diverse Umstrukturierungen und organisatorische Veränderungen vor und zog schließlich einen Schlussstrich: Seit diesem Jahr werden in Göttingen keine Lebern mehr transplantiert. (pid)

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