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Medikamente fehlen überall: Auch Göttinger Uni-Klinik ist betroffen

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Von: Thomas Kopietz

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Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Die Klinik-Apotheke mit Versorgungsgebäude auf dem nördlichen Teil des Uni-Klinikum-Geländes.
Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Die Klinik-Apotheke mit Versorgungsgebäude auf dem nördlichen Teil des Uni-Klinikum-Geländes. © Thomas Kopietz

Die Liste nicht-verfügbarer Medikamente ist aktuell lang in Deutschland. Auch die Universitätsmedizin Göttingen ist stark betroffen.

Göttingen – Wenn in der Medizin von der „gelben Liste“ die Rede ist, geht es um Medikamente. Genauer geht es darum, welche Medikamente und Impfstoffe aktuell Lieferengpässe haben. Mit Beginn des neuen Jahres ist diese gelbe Liste lang. Sehr lang.

Am 22. Dezember beginnt die Liste beim Medikament „Saxenda 6“ und endet bei „Tracitrans Infant“. Sowohl bei diesem Konzentrat zur Herstellung einer Infektionslösung als auch beim Gewichtsabnahme-Mittel Saxenda ist als Grund vermerkt: „Zurzeit verstärkte Nachfrage.“ Auch häufig zu lesen ist die Ursache: Unzureichende Produktionskapazitäten und schlicht wie vielsagtend: „Sonstige“.

Viele Medikamente sind derzeit nicht lieferbar: Auch Göttinger Uni-Klinik ist betroffen

Lustig ist das nicht, nicht einmal andeutungsweise, denn viele Patienten, die auf das knappe Gut Medikament angewiesen sind, hören und lesen das mit Verzweiflung: Wie komme ich an mein Medikamt?

Das ist die Frage. Eine, die sich auch die Mediziner, das Pflegepersonal und die Mitarbeiter der Klinik-Apotheke in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) stellen. Denn manchmal steht unter dem Schlagwort Alternativpräparat nur: N/A, was so viel bedeutet wie: Fehlanzeige.

Ulf Oesinghaus, Stellv. Leiter der UMG-Klinikapotheke.
Ulf Oesinghaus, Stellv. Leiter der UMG-Klinikumsapotheke.  UMG/NH © Privat

Vor einigen Wochen ging ein Aufschrei durchs Land. Es gibt nicht einmal mehr Schmerz- und Fiebersaft für Kinder, die massenweise mit Infektionen zu Hause lagen und noch liegen. Teils dramatischer ist die Lage in Krankenhäusern, wo zeitweise auch lebenserhaltende Medikamente und Wirkstoffe fehlen.

2022 waren es insgesamt mehr als 450 Präparate, die nicht oder kurzfristig nicht lieferbar seitens der Industrie waren. „Das ist dokumentiert“, sagt Ulf Oesinghaus, stellvertretender Leiter der Uni-Klinikum-Apotheke.

Die UMG-Apotheke war 2022 also im Dauer-Wachzustand, was die Beschaffung von Medikamenten angeht. Genutzt wurden dabei alle Kanäle: Großzügige Bevorratung, das Beschreiten aufwändiger Importwege aus dem Ausland und dazu das Nutzen der Kontakte/Netzwerke im Klinikverbund.

Medikamenten-Knappheit: Mittlerweile auch lebenserhaltende Medikamente teils nicht verfügbar

„Wir konnten damit diese Lieferengpässe weitestgehend abfedern“, schildert Ulf Oesinghaus. Allerdings kostete das viel Geld die Kostensteigerungen seien „erheblich“ und zusätzlich zu den ohnehin aufgrund der Inflationsrate gestiegenen Kosten. „Diese Kosten sind nicht gegenfinanziert“, so Oesinghaus.

Die UMG-Apotheke hat also noch Möglichkeiten der Beschaffung, die Ärzte oder kleine Krankenhäuser nicht haben. Und sie kann sich auch durch Eigenleistungen helfen. Sprich: Die Uni-Klinik-Apotheke stellt, vor allem für die Kindermedizin, hochwertige Medikamente selbst her. Die Basis dafür sind Erwachsenen-Präparate.

„In diesen Krisenzeiten zeigt sich die Krankenhausapotheke der UMG erneut als elementarer Garant für eine sichere und stabile Arzneimittelversorgung im klinischen Bereich des Uni-Klinikums.“ Dieses Fazit von Ulf Oesinghaus scheint zu beruhigen.

Weniger beruhigend aber ist der intensive Blick in die „Gelbe (Mangel-)Liste im Internet, finden sich doch dort zudem lebenserhaltende Medikamente oder solche für lebenswichtige Therapien.

Bei den 2022 mehr als 450 nicht immer verfügbaren Präparaten handelte es sich stellenweise um lebenswichtige Präparate, für die es kaum alternative Therapiemöglichkeiten gibt

Ulf Oesinghaus

Eine Mangelsituation, die auch Ulf Oesinghaus für die UMG konstatiert: „Bei den 2022 mehr als 450 nicht immer verfügbaren Präparaten handelte es sich stellenweise um lebenswichtige Präparate, für die es kaum alternative Therapiemöglichkeiten gibt.“

Beispiele seien einige parenterale Antibiotika, auch Actilyse®, das einzige Präparat zur Therapie von Schlaganfällen und Thrombosen. Es fehlten zeitweise auch Krebspräparate, Antiepileptika und pädiatrische, also in der Kinder- und Jugendmedizin verwendete, Medikamente wie Ibuprofen, Paracetamol, ebenso Ernährungslösungen sowie Elektrolyte.

Entgegen der Meldungen - vorwiegend aus den deutschen Kinderstationen der Krankenhäuser und den Kinderarztpraxen - ist das Problem Medikamente-Mangel weitgefächerter.

Medikamente fehlen nicht nur für Kinder - alle Altersgruppen sind betroffen

Grundsätzlich betreffen die labilen Lieferketten – Gründe waren und sind die Coronapandemie, weltweite Personalengpässe, Inflation, Logistikprobleme und Rohstoffknappheit – das gesamte Spektrum der Arzneimittelversorgung – „für sämtliche Altersgruppen und klinische Fachbereiche“, wie Oesinghaus feststellt.

„Die Krankenhäuser sind in besonderem Maße auch bei den lebenswichtigen und patentgeschützten Arzneimitteln, für die es keine alternativen Generikaprodukte gibt, betroffen.“

Für den Kliniker Oesinghaus ist klar: „Dies ist kein plötzliches, durch die aktuelle Weltwirtschafts- und Krisenlage aufgetretenes Problem, sondern es besteht bereits seit mehreren Jahren.“ Aktuell sei die Situation aber zugespitzt: „Sie betrifft unter anderem jetzt auch pädiatrische Präparate.“

Grundproblem – nicht nur in Deutschland – ist die Auslagerung der Rohstoffproduktion oder der Komplettherstellung von Medizinpräparaten an Länder wie Indien und China, wo aufgrund niedriger Löhne viel günstiger produziert werden kann. Die Medikamente können letztlich günstiger eingekauft werden.

Medikamenten-Knappheit in Deutschland: Pharmaindustrie soll mindestens wieder in Europa produzieren

Die Politik hat dieses System lange Zeit – auch über Rabattverträge durch Krankenkassen – gefördert. Dann klingelten bei massiven Lieferproblemen während der coronabedingten Lockdowns auch in Berlin die Alarmglocken, setzte bei vielen ein krisenbedingtes Zwangsumdenken ein.

Auch der jetzige Bundesgesundheitsminister appellierte mehrfach in Richtung Pharmaindustrie, die Produktion wichtiger Medikamente wieder mindestens nach Europa, besser noch nach Deutschland zurückzuholen.

Der Göttinger Oesinghaus geht weiter. Er fordert von der Politik, die Produktion von lebenswichtigen Arzneimitteln „wieder verpflichtend in europäische Länder zu verlagern und deren Finanzierung zu sichern“. Auch das Modell der Rabattverträge wäre zu überdenken, so der Klinik-Apotheker.

Um gegenzusteuern, müsse aber auch dem Fachkräftemangel in diesem sensiblen gesellschaftlichen Bereich der Gesundheitsversorgung vorgebeugt werden. Oesinghaus sagt es deutlich: „Es gilt, die Finanzierung von pharmazeutischem Personal in Krankenhäusern, öffentlichen Apotheken und Industrie zu sichern.“

Kurzfristig aber kann all das nicht die so lange Gelbe Liste verkürzen – und bei dauerhaft wie spontan auf Medikamente angewiesenen Patienten bleibt ein unwohles Gefühl und die ungewisse Frage: „Bekomme ich mein Medikament?“. (Thomas Kopietz)

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