Mehr als nur Helden-Geschichten

Göttinger Literaturherbst: Interview mit Fußball-Autor Reng

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Hauptfigur der etwas anderen Bundesliga-Geschichte: Heinz Höher im Jahr 1974 als Trainer des VfL Bochum.

Göttingen. Ronald Reng ist der besondere Autor von Fußball-Büchern. Beispiel ist sein aktuelles Buch „Mroskos Talente“ über einen Spieler-Scout, der nicht nur Glück im Berufsleben hatte.

Wir sprachen mit Reng, der heute beim Göttinger Literaturherbst auftritt.

Herr Reng, Sie haben ein Faible für Außenseiter im Fußball und deren Lebensgeschichten, woher rührt das? 

Ronald Reng: Aus meinem großen Interesse für Menschen. Der Sport ist emotional – durch Sieg und Niederlage, die nah beieinander liegen. Da findet man immer spannende Menschen und extreme Geschichten. Dabei ist es nicht uninteressanter mit den 98 Prozent der Spieler und Trainer zu reden, die den Sprung in die Profi-Ligen nicht schaffen, als mit den zwei Prozent, denen er gelingt. Wer scheitert hat nicht weniger erlebt, ganz im Gegenteil. Man erzählt Geschichten entweder von ganz oben, als Star-Porträt, oder von unten. Die Geschichten von unten wirken oft eindrücklicher. Da erkennen wir uns leichter wieder, im Träumen wie im Scheitern.

Als Buch-Autor wurden Sie auch durch die Robert-Enke-Biografie bekannt. Wollten Sie das Buch schreiben? 

Reng: Nein. Jetzt bin ich aber erleichtert und froh, dass ich es gemacht habe. Roberts Frau Theresa und die zwei besten Freunde wünschten, dass ich es mache. Der moralische Druck war hoch. Nachdem ich fertig war, verspürte ich eine große Leere. Ich habe danach lange nichts geschrieben.

Nach dem Enke-Buch kam „Spieltage“, die etwas andere Geschichte der Bundesliga...

Reng: Ja, mit dem ehemaligen Trainer Heinz Höher. Darauf habe ich mich gefreut. Obwohl der auch kein einfaches Leben hatte. Aber die Freude am Schreiben kehrte zurück.

Warum Heinz Höher als tragischer Held in einem Buch 50-Jahre-Bundesliga? 

Reng: Er ist auf mich zugekommen. Höher hatte das Enke-Buch gelesen und wollte mich kennenlernen. Auch, weil er einen jungen Spieler betreute, bei dem er den Verdacht hegte, dass der Junge Depressionen haben könnte. Nebenbei hat Höher mir von sich erzählt und ich dachte: Das ist ein Leben! Hochintelligenz, Alkohol, ein Mann, der das ganze Leben als Spiel begriff. Ich schlug ihm vor, ein Buch zu schreiben.

Wie hat er reagiert? 

Reng: Er war zunächst erschrocken. Es hat ihm aber gut getan, dass er noch einmal Aufmerksamkeit bekam.

Ist das wichtig für Stars nach der großen Karriere? 

Reng: Für ihn war es gut, nach all den Jahren in der Vergessenheit. Viele, die in dem Beruf mit dieser großen, überzogenen Aufmerksamkeit gearbeitet haben, brauchen das auch nach der Karriere: Anerkennung durch Aufmerksamkeit.

Haben die Schattenseiten Ihre Faszination für den Fußball getrübt? 

Reng: Nein. Je mehr ich weiß, desto faszinierter bin ich. Und je mehr ich vom Spiel weiß, desto schöner ist es, ein Spiel zu schauen. Viele Leute haben mir viel über den Fußball erklärt. Das ist meine Welt, in der ich mich auskenne. Für mich ist es genauso spannend, ein Spiel in der ersten oder in der fünften Liga zu schauen – wenn ich Spieler oder Trainer persönlich kenne. Durch mein Wissen, sehe ich den Fußball aber nicht schmutziger oder schlechter. Der Umfang des Betrugs ist im Fußball nicht größer als im Journalismus oder in der Automobilindustrie.

Nun also ein Buch über Lars Mrosko, einen mäßig erfolgreichen Talent-Scout... 

Reng: Wenn man einen spannenden Typen trifft, ist es egal wie erfolgreich oder bekannt er ist. Mich reizte es, zu schildern, wie der Apparat Fußball außerhalb des Platzes funktioniert. Ein Kollege vom Spiegel hat mich angerufen, der kannte Lars Mrosko.

Mrosko wirkt durchaus liebenswürdig... 

Reng: Man kann Lars Mrosko gut finden, bei allen Schwächen, die er hat.

Schreiben Sie Ihre Figuren besser als sie real sind? 

Reng: Ich versuche sie mit Empathie zu betrachten und mit Wärme zu beschreiben, aber trotzdem auch schlicht zu schildern, was sie so machen. Die Buchhelden müssen da durch, dass nichts weggelassen wird. Das sage ich ihnen vorher. Bei Stars hätte man da mehr Probleme. Solche Bücher funktionieren nur, wenn man aufrichtig ist. In Lesungen mit Mrosko zum Beispiel regen sich Zuhörer über dessen Verhalten auf und sagen es ihm deutlich.

Sind Sie Fan eines Klubs? 

Reng: Nein, Fan nicht. Ich habe eher Sympathien für Spieler und Trainer, die ich kenne. Besonders schaue ich auf die Eintracht in meiner Geburtsstadt Frankfurt und auf Alex Meier.

Auch ein Mann für ein Buch? 

Reng: Ein faszinierender Typ. Da müsste ich aber lange mit ihm sprechen. Er ist wortkarg. Das wäre eher ein Buch für eine jahrelange stille Beobachtung.

Das Buch: Ronald Reng: „Mroskos Talente – Das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts“, Piper-Verlag, 416 S., 20 Euro. 

Der Auftritt: Ronald Reng und Christoph Schröer mit „Fußballleben“ beim Literaturherbst Göttingen, heute, 21 Uhr, Altes Rathaus, Abendkasse 15/13 Euro.

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