Auch mehr Fälle in Göttingen

Mehr Streitigkeiten vor Gericht: Konflikte mit Nachbarn nehmen zu

Göttingen. Fast jeder Zweite in Niedersachsen streitet sich mit seinen Nachbarn. Das ergab eine Forsa-Studie für die Gothaer Versicherung. Demnach sind die Niedersachsen sogar besonders streitlustig.

Im Bundesland sowie in Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein haben 54 Prozent über Probleme mit dem Nachbarn. In den neuen Bundesländern seien es 41 Prozent.

Auch das Schiedsamt in Göttingen beschäftige sich vermehrt mit solchen Fällen. „In den vergangenen Jahren sind die Fälle von zehn pro Jahr auf etwa 20 bis 30 gestiegen“, sagt Henning Müller vom Schiedsamt Göttingen-Ost.

Das sei auf zwei Gründe zurückzuführen. Einerseits ist seit 2010 jeder Betroffene eines Nachbarschaftsstreits verpflichtet, vor dem Gang zum Gericht ein Schiedsamt aufzusuchen. Das regelt das sogenannte Niedersächsische Schlichtungsgesetz. Außerdem sei ein Schiedsverfahren für beide Streitparteien von Vorteil. „Die Kosten bleiben in der Regel zweistellig, man braucht keinen Anwalt und die Erfolgsquote liegt zwischen 70 und 80 Prozent“, erklärt Müller.

Die Schiedsämter seien auch dafür verantwortlich, dass sich im Amtsgericht Göttingen die vermehrten Nachbarschaftsstreitigkeiten noch nicht bemerkbar gemacht hätten, sagt Richterin Dagmar Poltze. „Durch das Schiedsamt können viele Fälle im Vorfeld geklärt werden.“

2014 habe es beispielsweise im gesamten Jahr 20 Fälle gegeben, im vergangenen Jahr 17. „In diesem Jahr haben wir bisher fünf Fälle verhandelt“, sagt Poltze. Der Hauptgrund, warum Nachbarn in Göttingen vor das Schiedsamt und im Zweifel weiter vor das Gericht ziehen, seien Konflikte über Sträucher und Bäume.

„Oft geht es darum, dass alte Bäume aufgrund von Einsturzgefahr entsorgt werden sollen“, sagt Poltze. Laut Forsa-Umfrage steht bundesweit die Lärmbelästigung auf Platz eins.

Schiedsämter als Streitschlichter

In Deutschland ist jede Kommune verpflichtet, ein Schiedsamt zu unterhalten. Dieses Amt dient der außergerichtlichen Streitbeilegung und kann von jedem Bürger, auch von Jugendlichen, zur Schlichtung von Streitigkeiten zu Rate gezogen werden.

Bevor es bei Nachbarschaftsstreitigkeiten zu einem Gerichtsverfahren kommen kann, ist es seit 2010 verbindlich, im Vorfeld das Schiedsamt aufzusuchen. Der Schiedsmann hat keine Entscheidungsgewalt, sondern versucht, mit allen Parteien einen Kompromiss zu finden. „Bei einer erfolgreichen Schlichtung wahren alle Personen ihr Gesicht, da es, anders als beim Gericht, keinen Verlierer gibt“, sagt Schiedsmann Henning Müller aus Göttingen. Die Gebühr für das Schiedsamt liegt in der Regel zwischen 50 und 100 Euro. Anwälte sind nicht nötig. 

Kommunikation beugt Streit vor

„Das machen wir schon immer so“ oder „da geht es ums Prinzip“ – diese Sätze hört Dagmar Poltze häufig, wenn sie im Amtsgericht Göttingen Streitfälle unter Nachbarn verhandelt. „Fast alle Konflikte liegen einem Kommunikationsproblem zugrunde“, sagt die Göttingerin. Daher setzt die 55-Jährige in der Deeskalation bereits sehr früh an.

„Schon beim Einzug kann man für ein gutes Klima sorgen“, so Poltze. Wer neu in der Gegend ist, könne sich vorstellen, die Nachbarn grüßen und ab und an plaudern. „Es muss und soll nicht aufdringlich sein. Aber wer sich schon mal unterhalten hat, erreicht bei Streitthemen eine andere, vernünftigere Ebene.“

Wenn ein Problem auftritt, sei es ratsam, den Nachbarn damit nicht sofort zu überrumpeln. „Wenn man das Thema vorsichtig anspricht und einen Gesprächstermin mit dem Nachbarn vereinbart, hat dieser Zeit, sich darauf vorzubereiten“, erklärt Poltze.

Es sei immens wichtig, der anderen Partei die eigene Sichtweise zu vermitteln. „Zum Teil hängen persönliche Erinnerungen an Bäumen, wenn er etwa mit den verstorbenen Eltern gepflanzt wurde“, sagt Poltze. „Man muss alle Blickwinkel beleuchten.“

Zwar spielten in Nachbarschaftsstreitigkeiten auch Emotionen eine Rolle, in den Gerichtssälen „geht es aber nicht zu wie bei Barbara Salesch im Fernsehen“. In den Verfahren, die ohne Gutachten in der Regel sechs bis acht Monate dauern, arbeite Richterin Poltze auch als Vermittlerin. „Es gibt auch Ausnahmen, aber die Verfahren laufen normalerweise diszipliniert ab.“

"Alle im selben Boot"

Daniel Zander über streitende Nachbarn

Die HNA berichtet immer mal wieder über Nachbarn, die mehr als nur im Clinch miteinander liegen. So gab es einen Fall, bei dem einem Mann mehrere Bäume im Garten der Nachbarin die Aussicht versperrten. Was ist da die Lösung? Richtig: Als die Nachbarin im Urlaub war, hatte der Mann schwarz ein Unternehmen beauftragt, das alle Bäume kurzerhand gefällt hat. Gesprochen haben die beiden Nachbarn zuvor kein Wort.

In diesem Beispiel wird deutlich: Die Göttinger Richterin Dagmar Poltze hat Recht, wenn sie fehlende Kommunikation bemängelt. Dabei sitzen in der Nachbarschaft aber alle im selben Boot – bei Streitpunkten wie zu lauter Musik oder zu hohen Bäumen, deren Äste in den Garten ragen, ist man auf die Mithilfe der Nachbarn angewiesen.

Daher ist es schon allein im eigenen Interesse klug, mit den Nachbarn gut auszukommen – wenn die Müllers die Musik leiser drehen, dann zeigen sich die Meiers von nebenan dafür bei anderen Dingen erkenntlich. Das Leben ist in einer guten Nachbarschaft einfach besser.

Rubriklistenbild: © Archivfoto: Kopietz

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