Menschen brauchen eindeutige Aussagen

Angstforscher Bandelow fordert klare Zahlen vom RKI und appelliert an Politik

Gefragter Experte: Der Göttinger Professor und Angstforscher Borwin Bandelow hier bei der „Nacht des Wissens“ 2019 im Hörsaal des ZHG.
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Gefragter Experte: Der Göttinger Professor und Angstforscher Borwin Bandelow hier bei der „Nacht des Wissens“ 2019 im Hörsaal des ZHG.

Erfassungslücken bei den Corona-Fällen, verspätete und unvollständige Meldungen, daraus resultierend eine hohe Dunkelziffer – also schlichtweg vom Robert-Koch-Institut (RKI) genannte Corona-Fallzahlen, die nicht der Realität entsprechen.

Göttingen - Damit müssen Deutsche leben – Bürger, aber auch Verwaltungen und Wissenschaftler wie Epidemiologen und Pandemieforscher. In der Bevölkerung sinkt das Vertrauen in die Zahlen – und das ist nicht ungefährlich, wie der Göttinger Professor für Psychiatrie, Borwin Bandelow, sagt. Das könne in einen grundlegenden Vertrauensverlust in die Corona-Politik münden.

„Gerade in unsicheren Situationen erwarten viele Menschen eindeutige Fakten und Aussagen. Können diese etwa aufgrund eines komplexen oder widersprüchlichen Geschehens nicht gegeben werden, beginnen die Zweifel“, sagt der Angstforscher und Mitarbeiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

Bandelow bezieht sich auch auf eine von der „Bild“-Zeitung in Auftrag gegebene Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa aus der vergangenen Woche: Demnach glauben 57 Prozent der Befragten, dass die RKI-Daten nicht stimmen.

Vertrauen in Corona-Politik

Um das Vertrauen der Menschen in die Corona-Politik zu gewinnen müssten laut Bandelow „die politisch Verantwortlichen „klare, verlässliche Botschaften vermittelten“. Dass dies nicht immer möglich ist – auch aufgrund der sich überschlagenden und in kurzen Abständen veröffentlichten neuen Studien und Erkenntnisse der Forscher – weiß auch der Wissenschaftler Borwin Bandelow.

Deshalb sollten die Politiker deutlich darauf hinweisen, „dass Erkenntnisse in einer derart dynamischen Situation oftmals nur vorläufig sein könnten“. Permanentes Dazulernen und Neubewerten sei in dieser Lage zwingend erforderlich. „Das ist kein Zeichen von Inkompetenz oder Unaufrichtigkeit“, betont Bandelow.

Ein auf diesen Lernerfahrungen und neuem Wissen beruhender Richtungswechsel im Corona-Politik-Kurs sei keinesfalls mit Chaos gleichzusetzen. Das müsse man gerade den in der Pandemie verunsicherten Menschen stetig klarmachen.

Angst verunsichert Menschen

„Angstgetriebene Menschen verwechseln das leicht. Ihr Gehirn macht dicht, versucht, sich am Eindeutigen festzuhalten, denkt schwarz-weiß“, erklärt Bandelow. Vielschichtige Informationen seien in ein solches Denken kaum integrierbar. „Im Gegenteil: „Es nimmt jede noch so kleine scheinbare Unstimmigkeit zum Anlass, die Pandemiebekämpfung insgesamt infrage zu stellen. Das kann in der Vorstellung gipfeln, dass die Politik nicht weiß, was sie tut, und die Impfung sowieso nicht wirkt.“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bescheinigt Bandelow überzeugende Krisenkommunikation: „Er begründet seine Entscheidungen klar und faktengestützt – ebenso sagt er aber auch, dass sich die Situation und mit ihr die Corona-Maßnahmen ändern können.“

Eine Leitplanke in allen Argumentationen und der Flut an neuen Erkenntnissen aber gibt es für Bandelow: die Impfung und Impfkampagne. Weil es immer wieder Kursänderungen gibt, muss eine Botschaft wie ein Fels in der Brandung unverrückbar stehen: „Nur die Impfung führt aus der Pandemie heraus.“ Diese Botschaft und die Impfkampagne müssen laut Bandelow „unmissverständlich durchgehalten werden“. (Thomas Kopietz)

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