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Musik als Kraftspender: Merton und al Deen überzeugen beim Göttinger KWP-Open-Air

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Von: Thomas Kopietz

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Dymanisch, mitreißend: Alice Merton beim KWP-Open-Air 2022 im Göttinger Stadtwald.
Dymanisch, mitreißend: Alice Merton sorgte für einen „hüpfenden Wald“ beim KWP-Open-Air 2022 im Göttinger Stadtwald.   © Christoph Mischke

Ausgelassene Stimmung beim Open-Air im Göttinger Kaiser-Wilhelm-Park. Für einen Augenblick herrscht dank der Musiker sorgenfreie Stimmung beim Publikum.

Göttingen – Die Sorgen, die dunklen Gedanken, die alltäglichen schockierenden Nachrichten einfach mal weghüpfen! Musik und Konzerte machen das möglich. Beispiel gefällig: das KWP-Open-Air in Göttingen am Freitag und Samstag. Die teils großartigen Konzerte waren auch Kraftspender in diesen sorgenbestimmten Zeiten.

Eine laue, warme Sommernacht, ein entspanntes und doch begeisterungsfähiges Publikum lässt sich im idyllischen Wald mitreißen von Alice Merton. Die ist stimmkräftig und energetisch.

Nach holprigem Beginn: Sängerin Alice Merton reißt das Publikum bei ihrem KWP-Auftritt mit

Merton hat, wie so viele Menschen auch, in den vergangenen zwei Jahren eine schwere Zeit durchlebt. Das Virus brachte Lockdowns, nahm Künstlern die Bühne, für die sie leben, die ihnen alles bedeutet. Und die Pandemie brachte den Stars all die persönlichen Probleme, mit denen so viele zu kämpfen hatten.

„Dunkle Gedanken“ hatte sie, viele, wie Merton offen sagt, als sie im flotten blauen, bauchfreien Outfit auf der Bühne steht. Dunkle Gedanken, die sind auch auf dem selbst produzierten und verlegten Album S.I.D.E.S zu hören. Die Songs sind nachdenklich.

Live ist alles anders. Nach anfänglichen Sound-Problemen und vielleicht nicht optimalen Einstiegssongs steigert sich Alice Merton samt Band. Der Bass treibt, die Beats passen – die vier Bandmitglieder harmonieren und Merton ist die Antreiberin, läuft, hüpft – singt und spielt sich so frei. Das Konzert wird zu einem Erlebnis – das sich alle ersehnt haben.

Großartiger Sänger, starke Band: Konzert von Laith al Deen beim KWP-Open-Air Göttingen.
Großartiger Sänger, starke Band: Konzert von Laith al Deen beim KWP-Open-Air Göttingen. © Thomas Kopietz

Am Ende hüpfen fast alle vor der Bühne und viele auf den hinteren Rängen – gefühlt machen auch die mächtigen Bäume mit, die die Kulisse für eine wunderschöne Konzert-Arena bilden. „The Other Side“ ist der großartige Abschluss-. Im Gegensatz zur zurückhaltenden Studio-Verson zieht das Stück: Die Arme gehen hoch, die Masse schwingt mit.

Alice Merton setzt damit ein Zeichen fürs Publikum: „Es gibt sie, diese andere Seite.“ Auch wenn man das in dunklen Zeiten oft nicht sehe: Die andere Seite ist da. „Irgendwann wird es besser.“ Merton ist 28 und weit für ihre jungen Jahre. Ihre Kraft, Bühnenpräsenz, ihre Nachdenklichkeit, gepaart mit purer Lebensfreue beindrucken.

KWP-Open-Air: Künstler thematisieren die schweren Zeiten während der Lockdowns

Laith al Deen, der Headliner am KWP-Samstag ist quasi die konsequente Fortsetzung, der kongeniale Partner für Merton, obwohl der 50-Jährige zur Vorgänger-Musikgeneration gehört. Trotz Nummer-Eins-Alben versank er vor zehn Jahren in der Leere, ohne Selbstvertrauen und Zuversicht, in der Depression. Auch al Deen spricht offen darüber, in Interviews , in seinen Songs – auf der Bühne.

Im aktuellen Album verarbeitet er seine Krise („So nah“). Aber: Er tut das stets auch gepaart mit Zuversicht. Merton würde sagen: „Es gibt die andere Seite.“

Laith al Deen lebt diese. Er ist wieder da – mit intensiven Texten, enormer Stimme und neuen Versionen auch der großen Hits: „Bilder von Dir“ ist in neuer Interpretation herausragend; „Alles an Dir“ zeigt, wie kreativ und stark die Band ist: eingespielt, sich akzeptierend, Freiräume schaffend – das Stück endet in einem kraftvollen Finale, ganz anders als erwartet.

Dann geht der Sänger durchs Publikum, macht am Bierwagen den Queen-Mitsing-Check, versucht Chor und Refrain zusammenzubringen. „Was ist los dahinten, Meuterei oder was?“, witzelt er. Nicht, dass das falsch rüberkommt: Es wird mitgesungen und sogar geschrien: „Ja, Mann!“ Große Interaktion. Publikum und Künstler sind wieder beisammen, blicken nicht in Masken. Das Lachen – das Glück ist zu sehen.

Laith al Deen im KWP: Göttinger Publikum feiert den Musiker und seine Band

„Der Wald steht Euch gut!“, freut sich Laith al Deen. In Ansagen animiert er dazu, Schluss zu machen, mit dem Hang zur Selbstoptimierung, einfach mal zufrieden zu sein: „Klopft Euch mal auf die eigene Schulter!“ Er singt das hohe Lied auf die Liebe („Liebe ist ein Geschenk“) und Freundschaft. Das gipfelt in Textzeilen wie „Glaub an Dich – Ich glaub an Dich!“ und dem feinen Stück „Wenn Du bei mir bist“ (mit Zuschauerchor und Refrain).

Sänger und Band haben ganz viel Potenzial und sie zeigen es. Dafür werden sie gefeiert. Vieles bleibt nach dem Klasse-Konzert im Ohr („Dein Lied“, „Mit mir“), im Kopf und im Herzen – eine Art Therapie. Dafür stehen Merton, al Deen und auch die großartige Sona Jobateh.

Sie liefern in der Wald-Musikarena die ersehnten Genussmomente und Stunden ohne Sorgen. Dafür bedanken sich Merton und al Deen beim Publikum. (Thomas Kopietz)

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