Theater auf einem Zug im Bahnhof

„Meteor“  und das Meer mitten in Göttingen

Theater im Freien, Theater auf Eisenbahnwaggons: Das Dokumentartheater „Das letzte Kleinod“ spielte „Meteor“ im Gartetalbahnhof Göttingen. Foto: Schaub

Göttingen. „Das Letzte Kleinod“ mit seinen Dokumentartheaterstücken und außergewöhnlichen Spielorten begeisterte Zuschauer mit „Meteor“, einem Einblick in die Schifffahrtsgeschichte.

Während die Abendsonne den Gartetalbahnhof in ein warmes Licht taucht, werden Decken an Zuschauer verteilt. Schon ist klar: Das ist kein normaler Theaterbesuch.

Jens-Erwin Siemssen hat die erste deutsche Atlantikexpedition aus den 1920ern dokumentarisch in einem Open-Air-Theaterstück festgehalten und gibt den Zuschauern einen spannenden Einblick in die Verhältnisse an Bord des Forschungsschiffs Meteor.

Er hat dafür selbst im Dezember 2016 vier Wochen lang auf der Meteor III recherchiert. Es geht um Machtverhältnisse zwischen der Bordcrew, Bordellbesuchen an Land inklusive Geschlechtskrankheiten und der Feuertaufe der Neulinge an Bord.

Die Kulisse: drei Eisenbahnwagen auf dem Abstellgleis – zwei flache und ein containerartiger Schiebewandwagen dazwischen. Das Ambiente: Der Abendwind, der die Haare der Zuschauer zerzaust, und atmosphärisch für das Rauschen der gedachten Wellen sorgt.

Dokumentartheater: „Meteor“ spielte auf Eisenbahnwaggons – hier geht es um Seekrankheit. Foto: Schaub

Das Schauspiel: Die Mannschaft geht an Bord. Zwischen den eng aufgezogenen Wänden im Container bringt der Wellengang die Besatzung zum Schaukeln. Sie spricht von der Suppe, die auf den Schoß des Nachbarn schwappt und manchen Kameraden, die gar nicht mehr zum Frühstück auftauchen, obwohl keiner so richtig über die Seekrankheit spricht. Ozeanographen versuchen, ihre Arbeit zu erklären, verhaspeln sich aber immer wieder in ihren Phrasen.

Die Requisiten: Mit einfachen Mitteln und originalen Exponaten aus dem Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven nimmt die siebenköpfige, eigens für das Stück gecastete Truppe den Zuschauer mit in die Welt der Seeleute. Die Eindrücke sind so detailgetreu, dass man meint, am Himmel die Möwen kreischen zu hören.

Ein Segeltuch macht das Geräusch des pfeifenden Winds auf hoher See nach, während es zwei Spieler über das Pflaster auf dem Boden ziehen. Zusammengewickelt in Form einer Mumie wird das gleiche Requisit zum lungenkranken Patienten, der dann tot zu einem tragischen Abschiedslied von der Mannschaft über Bord geworfen wird. Es ist lustig, informativ und verzaubernd. Zwischendrin ertönt eine Schiffshupe.

Großartig ist die Szene der Feuertaufe, ein Ritual, dass jeder Neuling an Bord durchmachen muss. Erst sagt der Kapitän zu ohrenbetäubendem Lärm den sogenannten Fischnamen des Neulings, dann muss dieser durch ein Marathon an Erniedrigungen und Ekelhaftigkeiten: Eintauchen in einen Bottich voller Fischabfälle, die eine Woche lang in der Sonne gärten. Wenn er sich am Ende nicht an seinen Fischnamen erinnern kann, der unmöglich zu verstehen ist, geht alles von vorn los, solange bis „Öl, Fett und Schmiere“ wochenlang nicht mehr vom Körper abzuschrubben sind.

Und dann, wenn jedem der Alltag an Bord nur noch auf die Nerven geht, wird gefeiert und getrunken. All das zeigen die Schauspieler mit Leidenschaft und großer Spielfreude. Dafür – und für ein belebendes Stück Dokumentargeschichte unter freiem Himmel – gibt es langanhaltenden Applaus.

Letzte Aufführung am Sonntagabend, 18. Juni, um 20 Uhr am Gartetalbahnhof. (vsa)

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