Plätze für Medizintalente

Minister Thümler fordert neue Vergabe für Medizin-Studienplätze

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Offensiv: Wissenschaftsminister Björn Thümler fordert eine massive Änderung der Vergabe von Medizin-Studienplätzen.

Göttingen/Hannover. Nun beginnt für Abiturienten wieder das Gerangel um die Medizin-Studienplätze. 2019 muss sich laut Bundesverfassungsgericht-Urteil etwas ändern.

Die Abitur-Zeugnisse sind vergeben, die Schule für die Abiturienten Vergangenheit. Nun gilt es für viele, den passenden Studienplatz zu suchen und finden. Im Bereich Medizin ist das nach wie vor ein Riesenproblem. Numerus clausus und lange Wartezeiten kennzeichnen das Verfahren. Schon mit 1,5 müssen die Abiturienten viele Wartesemester hinnehmen. Allerdings: Die Kultusministerkonferenz muss nach dem Bundesverfassungsgericht-Urteil den Zugang zum Medizinstudium reformieren. Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) fordert im Gespräch eine Talentquote, die Vorkenntnisse stärker berücksichtigt.

Herr Thümler, die reine Wartezeit soll kein Kriterium mehr für einen Medizin-Studienplatz sein. Nur die Abitur-Note?

Jörn Thümler: Die Wartezeit-Quote war bislang eine Option für diejenigen, die wegen ihrer zu schlechten Abitur-Note keine Chance auf einen Studienplatz hatten. Wobei „schlecht“ hier relativ ist. Bei einem Schnitt von 1,2 – der fürs Medizinstudium nicht reicht – kann man ja nicht gerade von einer schlechten Note sprechen. Daher ist die Auswahl nach der Abi-Note aus meiner Sicht so eine Sache für sich. Ich plädiere dafür, die Wartezeit-Quote durch eine Talent-Quote zu ersetzen.

Wem käme diese zugute?

Thümler: Jungen Menschen, die unbedingt Arzt werden wollen und beispielsweise durch Rettungsdiensttätigkeiten oder entsprechende Aus- und Fortbildungen gezeigt haben, dass sie es könnten. Allerdings müsste man das durch Eignungstests absichern.

Wie hoch soll der Anteil der für „Talente“ reservierten Studienplätze sein?

Thümler: Im Kreise der KMK-Kollegen müssen wir noch klären, wo diese Quote ansetzen soll. Rechnet man sie auf die von den Hochschulen direkt vergebenen Studienplätze an, oder ersetzt man damit eins zu eins die Vergabe über die Wartezeit? Entscheidend ist erst einmal, dass der neue Staatsvertrag als Konsequenz aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts jetzt in die Vorbereitung gehen kann.

Kommt dabei auch die reine Abi-Note auf den Prüfstand?

Thümler: Auch hier hat uns das Verfassungsgericht enge Grenzen gesetzt; eine Erhöhung der Abi-Quote über die bisherigen 20 Prozent, wie zum Beispiel Bayern sie gefordert hat, scheidet jedenfalls aus. Die Vergleichbarkeit der Noten aus den Bundesländern muss sichergestellt werden. Da ist noch eine Menge Gehirnschmalz der Beteiligten reinzustecken, aber wir werden sicher zu einer vernünftigen Lösung kommen.

Zur Person 

Björn Thümler, 47, ist seit November 2017 Minister für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen. Der Historiker sitzt seit 15 Jahren im Landtag und leitete dort von Juli 2010 bis Oktober 2017 die CDU-Fraktion. Thümler lebt mit seiner Familie in Berne im Landkreis Wesermarsch.

Auswahl führt zu Chirurgenmangel 

Vorstandssprecher der Göttinger Uni-Klinik ist für neue Struktur in der Medizin und Studentenauswahl

Die Universitätsmedizin Göttingen bildet jährlich 300 Ärzte aus. Dazu kommen pro Jahr 100 Teilstudienplätze im Vorstudium. Die UMG ist als Studienort gefragt, wie Vorstandssprecher Prof. Dr. Heyo K. Kroemer sagt. 

„Wir können den Bedarf bei uns größtenteils selbst decken“, sagte Kroemer im Gespräch. Doch nicht alle medizinischen Bereiche sind beliebt, und das macht dem UMG-Vorstand Sorgen. So werden händeringend Chirurgen gesucht. Ein Grund dafür ist laut Kroemer das Auswahlverfahren über Bestnoten. Folge: „Es gibt deutlich mehr Frauen, die Medizin studieren, weil sie, dank im Schnitt besserer Abi-Noten, über den NC schneller ins Studium kommen. Aber fast keine will Chirurgin werden.“ 

Die UMG geht deshalb neue Wege. „Wir müssen anders und intensiv für bestimmte Bereiche in der Medizin werben“, sagt Kroemer. So gab es nun einen „Aufschneidertag“ in der Göttinger Uni-Klinik. Dabei kamen alle Ordinarien zusammen, die chirurgisch arbeiten. Sie luden die Studierenden ein, die sich für Chirurgie interessieren. „Da haben die Klinikchefs vorne gestanden und geschildert, wie bei uns im Fach Chirurgie gearbeitet wird.“ Für Kroemer war das eine „tolle Aktion“, die auf jeden Fall wiederholt werden soll. 

Für den Vorstandssprecher, der in wichtigen nationalen Gremien sitzt, ist es ein Zeichen dafür, dass „das völlig einheitliche, total normierte Medizinstudium so nicht mehr durchzuhalten ist“. Es passe nicht mehr. So geben zu Beginn des Studiums nur drei Prozent der Studierenden an, Chirurgen werden zu wollen, zehn bis 15 Prozent Allgemeinmediziner. Das hänge auch damit zusammen, dass Studierende abgeschreckt werden, von Berichten über durcharbeitende Chirurgen sowie überlastete und mäßig bezahlte Allgemeinmediziner. Zum Teil treffe das auch zu. 

Kroemer plädiert für eine veränderte und stärker auf den Bedarf ausgerichtete Ausbildung – letztlich setzt er sich aber für eine neue Struktur in der Medizin ein. Für Kroemer sind die Bemühungen unsinnig, Studierende zum Medizinstudium zuzulassen, wenn sie sich früh auf eine Arbeit als Landärzte verpflichten, ihnen dann aber, wenn sie umschwenken, saftige Geldstrafen aufzudrücken. „Wer weiß schon zu Beginn des Studiums, ob er nicht während des Lernens spannendere Medizinbereiche entdeckt?“ 

Wie Minister Björn Thümler fordert auch Kroemer die Änderung des Auswahlverfahrens fürs Medizinstudium: „Die Bestenauswahl muss reformiert werden.“ Er sagt aber auch: Eine Auswahl nach Sympathie und Empathie-Fähigkeiten berge Risiken: „Das ist juristisch anfechtbar.“

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