Ministerpräsident ist 60 Jahre alt

Stephan Weil, der unauffällige SPD-Hoffnungsträger

Interessierte Zuhörer: Ministerpräsident Stephan Weil im September 2017 beim Besuch des Sartorius-Hauptstandortes in Göttingen. Vorstandsvorsitzender Dr. Joachim Kreuzburg erklärt Weil die Produkte. Der Landeschef feierte jüngst seinen 60. Geburtstag und hat an politischem Gewicht gewonnen. Archivfoto: Hubert jelinek

Hannover. Den 60. Geburtstag feierte er unauffällig, bodenständig in Hannover. Ministerpräsident Stephan Weil hat an politischem Profil gewonnen.

Ministerpräsident Stephan Weil galt als farblos und langweilig. Nun ist der Jurist für viele Hoffnungsträger für eine ins Bodenlose taumelnde SPD, einer, der auch in Berlin eine Rolle spielen könnte. Am Samstag wurde Weil 60 Jahre alt. Eine Feier mit Brimborium gab es nicht: Italienisch essen – natürlich in Hannover – war angesagt.

Bescheidener Typ

Bescheiden wirkt Weil, bodenständig ist Weil, man schätzt das im Land. Die Niedersachsen werten es weniger als rückständig, denn viel mehr als sympathisch. Bei den Menschen in Deutschland ist Stephan Weil einer der Bekannteren aus der Riege der Ministerpräsidenten. Er hat an politischem Gewicht, auch in seiner Partei, enorm zugelegt.

Kein Wunder, bescherte Weil der SPD doch den einzigen Wahlsieg im für die Sozialdemokraten deprimierenden Jahr 2017. Das wirkt nach: Nach dem Verlust der Hochburg Nordrhein-Westfalen ist Niedersachsen in den vergangenen Monaten ein Flaggschiff für die SPD geworden. Aber eines, das auch auf dem Maschsee in Hannover dennoch in rauhem Wasser segelt – die jüngsten Umfragen bestätigen das.

Respektvolle Gegner

Dennoch: Selbst Gegner bescheinigen Weil heute, dass er damals, 2017 im Wahlkampf zur vorgezogenen Landtagswahl, alles richtig gemacht hat. Stephan Weil, der Fußballfan von Hannover 96, bewies feines Gespür für die Situation und Kampfeswillen – beides könnte 96 jetzt auch dringend gebrauchen. Als die grüne Landtagsabgeordnete Elke Twesten zur CDU überlief, das rot-grüne Bündnis zerbrach, preschte Weil nach vorn, spielte mutig, offensiv – und gewann, überraschend für viele zu diesem Zeitpunkt.

Göttinger V-Mann-Affäre

Ein Jahr regiert Weil mit der CDU, legt Wert darauf, es weitgehend geräuschlos zu geht, trotz Kritik an den CDU-Ministern wie Althusmann und Thümler oder seinem SPD-Innenminister Pistorius nach dem Debakel um die Göttinger V-Mann-Affäre. Weil lobt die Groko in Hannover. Man habe vieles erreicht, sagt er gerne, es laufe rund.

So etwas hört der Wähler draußen nicht so gerne. Er hätte gerne auch wieder klare Profile, gerade bei der SPD. Immerhin, offener Dauerstreit, öffentlich ausgetragene Uneinigkeit – das gibt es in Hannover im Gegensatz zu Berlin so nicht.

Talk-Show-Gast

Dennoch, oder gerade deshalb ist Stephan Weil ein gern gesehener Gast in Talk-Shows. Hoffnungsträger sind dort immer willkommen. Und dann hört er oft die eine Frage. ZDF-Talker Markus Lanz stellte sie kürzlich: „Schließen Sie aus, in die Bundespolitik zu gehen und Kanzlerkandidat der SPD zu werden?“ Weil ist vorbereitet, sagt unaufgeregt: In der Politik könne man so etwas nie ausschließen. Wieder ist der Weil geschickt ausgewichen, das kann er.

Oberbürgermeister in Hannover

An das Rampenlicht hat er sich, seit er 2013 vom Oberbürgermeisterposten auf den des Landeschefs gestiegen ist, gewöhnt. Eben das hatte so mancher nicht erwartet. Der unauffällige Mann aber macht das richtig gut. Zurückhaltend, aber durchaus offen und interessiert kommt er rüber.

Lob von Gegnern

Wertschätzung genießt der Ministerpräsident auch bei seinen CDU-Partnern in Hannover. Immer wieder ist – auch von dieser Seite – das Wort Verlässlichkeit zu hören, als ein prägender Charakterzug des Stephan Weil.

Der Alt-Kanzler aus Hannover, Gerhard Schröder, hat diesen sogar das Kanzler-Format zugesprochen – ein Ritterschlag des Genossen. Und SPD-Chefin Andrea Nahles sagt über den Mann, der ihr Nachfolger werden könnte, „Stephan Weil ist eine der wichtigsten Stimmen in der SPD und für die SPD. Klar, konstruktiv und cool.“

Bei so viel Lob bleibt die Frage nach Schwächen. Insider sagen ihm nach, sich mit (zu) schwachen Mitarbeitern zu umgeben, zu wenig die Reibung mit starken Persönlichkeiten zu suchen. Vielleicht ist Weil einfach ein harmonischer Typ und handelt dementsprechend.

Boss-Fan und Bügel-Freund

Laut wird er selten, wohl auch zu Hause nicht. Dort übrigens geht er manchmal in den Keller, dreht Bruce-Springsteen-Musik auf und bügelt seine Hemden. Das sagt alles. Seit 1987 ist er mit der Professorin Rosemarie Kerkow-Weil verheiratet, das Paar hat einen erwachsenen Sohn. Stephan liest gerne, läuft, wandert – und geht zu 96.

Weglaufen aus Hannover aber will er nicht. Auf die Frage, was hat Hannover Besonderes, das andere Städte nicht bieten? „Einfach gesagt: Heimat.“ (mit dpa)

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