Göttingen: Mit Blick hinter die „Magie des Zirkus“

Kultursommer in Göttingen: Julia Hansen und Heikko Deutschmann lesen im Alten Rathaus

Gastspiel beim Göttinger Kultursommer: Julia Hansen und Heikko Deutschmann präsentierten im Alten Rathaus Erzählungen von Herman Bang und Gerhard Roth.
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Gastspiel beim Göttinger Kultursommer: Julia Hansen und Heikko Deutschmann präsentierten im Alten Rathaus Erzählungen von Herman Bang und Gerhard Roth.

„Magie des Zirkus“ wollten die Schauspieler Julia Hansen und Heikko Deutschmann ins Alte Rathaus bringen. Dazu hatten sie „Fratelli Bedini“ von Herman Bang und „Circus Saluti“ von Gerhard Roth dabei.

Göttingen – „Viel Spaß im Zirkus“ wünschte passend eine Frau aus dem Publikum einer Freundin vor der Lesung zum Kultursommer. Doch in der Lesung geht es nicht nur um den Glanz und Glitter, die Zirkus mitbringt, sondern auch um viele der Probleme dahinter.

„Das ist ein sehr besonderer Abend“, führte Heikko Deutschmann in den Abend ein. „Ich finde es großartig, dass Veranstaltungen dieser Art noch stattfinden können“, sendeten die Schauspieler zu Corona-Zeiten ins Publikum und ernteten dafür einen Anfangs-Applaus, dem noch mehr Beifall folgen sollte.

Mit dem Auftrag, ein Programm zum Thema Zirkus zusammenzustellen, seien sie auf die Suche gegangen. Schließlich seien sie auf Erzählungen des dänischen Autors Hermann Bang (1857 bis 1912) und des österreichischen Erzählers Gerhard Roth (Jahrgang 1942) gestoßen. Von sonst 280 Plätzen im Alten Rathaus können zu Corona-Zeiten nur knapp 70 besetzt werden. Mehr als 50 Menschen waren an diesem Abend gekommen.

Der Chronologie entsprechend begannen die Schauspieler mit Bangs „Fratelli Bedini“ aus Band 6 seiner „Romane und Novellen“. Sie erzählt von dem achtjährigen Müllersjungen Klaus, der aus armen Verhältnissen stammend an einen Zirkus gegeben wird. Unter dem Namen Giovanni arbeitet er sich zum Kunstreiter hoch.

Doch nach einem sehr erfolgreichen Aufstieg scheitert er an auch an dem Druck, immer besser zu werden und an einer unglücklichen Liebe. Immer öfter misslingt ihm der Sprung, der den Höhepunkt seines Auftritts bildet.

Auf Betreiben des Raubtierdompteurs, der ihm über die Jahre ein Freund geworden ist, wechselt er zu ihm in den Raubtierkäfig und erlebt mit, wie dieser während einer Show von seinen Raubkatzen angegriffen wird und stirbt. Giovanni vergiftet die Tiere als Rache und muss sich nun sein Brot als Clown verdienen. Nach seinem schnellen und glanzvollen Aufstieg endet er als „Kunstreiter-Parodist“.

In „Zirkus Saluti“ erzählt Gerhard Roth über den Austausch des Direktors von einem Wanderzirkus mit einem Stummen. Auf Zetteln schreibt der Stumme seine Einwände zu den Ausführungen des dominanten Direktors.

Eindringlich führt der Autor die fast unendliche Macht des Direktors über die Schausteller vor und zeigt die Schamlosigkeit des Unterdrückers gegenüber den schwächeren Gliedern im Zirkus. Das Gespräch mit dem Stummen gerät zu einer philosophischen Abhandlung über Schein und Sein und zieht den schützenden Vorhang von der Traumwelt „Zirkus“.

Im gut abgestimmten Wechsel lesen die Schauspieler Hansen und Deutschmann die Episoden und lassen die Szenen lebendig werden. Während Hansen vornehmlich auf Stimme baut, scheint Deutschmann das Gelesene mit pointierten Gesten noch zu unterstreichen.

Wer sich als Zuhörer auf den Vortrag einlässt, wird unmittelbar in die Erzählungen hineingezogen. Vor dem inneren Auge entstehen Bilder davon, wie der Kunstreiter an den Sprüngen scheitert oder wie der Stumme seine Zettel beschreibt.

Doch egal, wie gekonnt die Akteure lasen – mit einer Lesung von mehr als zwei Stunden brachten sie manchen an seine Grenzen. An dem warmen Sommerabend trug die Schwüle in den Mauern des Alten Rathauses schließlich das Seinige dazu bei, dass man sich an das Ende sehnte. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen.

Infos über weitere Veranstaltungen des Göttinger Kultursommers gibt es im Internet auf kultursommer.goettingen.de. (Ute Lawrenz)

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