Einsatz ist umstritten

Lebensretter im Mittelmeer: Göttinger bewahrt Flüchtlinge vor dem Ertrinken

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6000 gerettete Leben: Till Rummenhohl aus Göttingen bei einem Einsatz mit der Aquarius im Mittelmeer.

Göttingen. Er ist 25 Jahre alt und hat schon viel vom Tod gesehen. Till Rummenhohl ist in Göttingen geboren, hat in Hamburg Schiffbau studiert und rettet Flüchtlinge im Mittelmeer.

Wie wird ein Student zum Lebensretter? „Ich wollte nach dem Bachelor Schiffserfahrung sammeln“, sagt Rummenhohl. Und er wollte helfen, seit er 2015 jeden Tag auf die Flüchtlingsunterkunft gegenüber des Uni-Campus geschaut hat.

600 Menschen an Bord

Seine Wahl fiel auf die Aquarius, ein altes Schiff der deutschen Küstenwache: 77 Meter lang, 11,80 Meter breit. Tiefgang: 5,70 Meter. Nach einer Rettung befinden sich mehr als 600 Menschen an Bord des in den 70er-Jahren gebauten Fischereischutzbootes, schätzt der Göttinger. Zwischen April und Juni habe die Crew 6000 Leben gerettet „Das ist sehr viel, auch für uns.“ 

Jede Fahrt mit der Aquarius dauert maximal zwei Monate. „Länger machen wir nicht, um das Team nicht zu überstrapazieren.“ Zwei Fahrten hat Rummenhohl hinter sich. Er hat dabei Menschen gesehen, die an Schussverletzungen gestorben, ertrunken oder verhungert sind. Eine Rettung steht dem jungen Göttinger noch besonders vor Augen: 21 tote Frauen, die Leichen liegen zwischen anderen Flüchtlingen in einem Schlauchboot.

Routen im Überblick: So überqueren Flüchtlinge das Mittelmeer. Zum Vergrößern auf die Pfeile oben rechts klicken. 

Die Folgen

Diese Bilder lassen ihn nicht los. „Du träumst davon und merkst: Da verarbeite ich gerade was“, sagt er. Nach der ersten Mission sei er zu Hause in ein Loch gefallen. Die Untätigkeit setzte ihm zu. Nach der zweiten Tour stellt er fest: „Ich kann keine Filme mehr gucken, in denen Schwarze sterben.“

Warum tut man sich das an? „Weil es süchtig macht“, sagt Till Rummenhohl. „Leben zu retten, die Menschlichkeit und Selbstlosigkeit dabei, fühlt sich einfach gut an.“ Also doch nicht ganz selbstlos? „Vielleicht nicht ganz.“

Mit Schlauchbooten auf dem Mittelmeer

Es sind meistens große Schlauchboote, in denen die Flüchtlinge die Fahrt über das Mittelmeer wagen. „Absolut seeuntauglich“, urteilt Rummenhohl. Es fehlt an Benzin und an Nahrung. 120 Menschen, auf einen Raum zusammengepfercht, auf dem eigentlich nur 40 Platz haben.

Überfüllte Schlauchboote: Es fehlt an Benzin, Platz und vor allem Nahrung.

Das Gesicht des Göttingers ist angespannt, wenn er von der Notlage der Flüchtlinge erzählt. Sein Blick wird dann ruhelos und wandert umher.

Reden, beten, feiern

32 Stunden braucht die Aquarius vom offenen Gewässer in einen sicheren italienischen Hafen. Für Till Rummenhohl sind es die wichtigsten Stunden seiner Mission. „Die erste Nacht schlafen alle wie die Toten“, sagt er. Dann kommen er und das Team mit den Menschen, denen sie das Leben gerettet haben, ins Gespräch. Sie tanzen beten mit ihnen, feiern das Leben mit ihnen.

Die wichtigsten Stunden der Mission: Auf dem Weg in den sicheren Hafen reden, beten und feiern die Retter mit den Flüchtlingen. 

Berührungsängste gibt selten. „Sie wollen ihre Geschichte erzählen“, sagt der Göttinger. „Besonders die Flüchtlinge aus Libyen sind oft Opfer grausamster Folter geworden.“ Viele würden mit Jobversprechen in den nordafrikanischen Staat gelockt. „Schon an der Grenze werden sie abgefangen, viermal verkauft und dann auf einem Boot entsorgt.“ Ein florierender Menschenhandel.

Flüchtlingswelle ist nicht vorbei

Bei der Rückkehr nach Deutschland war Till irritiert: „Hier denkt man, die große Welle ist vorbei. Das ist ein Irrtum.“ Er will weitermachen mit dem Menschenretten, nach dem Master-Abschluss. „Bis dahin arbeite ich an Land“, sagt Till Rummenhohl. Er hält Vorträge, erzählt seine Geschichte. Am Montag war er an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Göttingen, „seiner“ Schule. „Jugendliche sind toll. Sie hören ohne Vorurteile zu.“

Helfer in der Kritik: Seenot-Rettung ist umstritten

Die Seenot-Einsätze von Hilfsorganisationen im Mittelmeer sind nicht unumstritten. Von der libyschen Küstenwache, aber auch europäischen Staaten sei vermehrt der Vorwurf zu hören, die Retter würden den Schmugglern in die Hände spielen. „Ihr seid der Grund, warum die Flüchtlinge noch kommen“, zitiert Till Rummenhohl. 

Solche Aussagen machen ihn wütend. „Was ist die Alternative: Die Menschen zu Tausenden sterben lassen?“ Mehrere Studien hätten zudem bewiesen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Seenot-Rettung und der Zahl der Menschen gibt, die über das Mittelmeer flüchten.

So ist der Alltag auf der Aquarius

Die Aquarius patroulliert zwischen Sizilien, der Insel Lampedusa und Libyen – stets mit einem Sicherheitsabstand von 24 Seemeilen zur Küste. Ab zwölf Seemeilen fangen offiziell die internationalen Gewässer an. 

Der Heimathafen des Schutzbootes ist in Catania (Sizilien). Koordiniert werden die Einsätze von der Leitstelle für Seenot-Rettungen in Rom. Der Alltag der 35 Mann starken Besatzung ist immer gleich: „Entweder wir suchen, retten oder trainieren“, sagt Till Rummenhohl. Und das von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. In der Nacht hält ein Ausguck Wache. Geschlafen wird in 2-Mann-Kabinen.

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