Mittwoch Aktion in Hannover

Aufschrei der Theater: Förderung muss berechenbarer sein

Setzen sich mit der Aktion „Rette dein Theater“ für die Theaterszene im Land ein: Links im Bild Sandra Hinz (Geschäftsführerin Deutsche Theater Göttingen, DT) und Antje Thoms - freie Theaterregisseurin und Initiatorin der Aktion. Foto: Thomas Kopietz

Göttingen. Mittwoch wird die Aktion "Rette dein Theater" in Hannover sein, mit Darbietungen, Reden und einer Petitionsübergabe am Landtag. Wir sprachen mit Initiatorinnen.

Antje Thoms ist überrascht, dass die eher unbewusst gestartete Aktion „Rette dein Theater“ weite Kreise zieht. Aus den wenigen Unterschriften, die die freie Regisseurin nach Vorstellungen in Göttingen sammeln wollte, sind auch dank einer Online-Petition weit mehr als 10 000 geworden. Viele Theater und Kulturschaffende hängen sich an, werden am Mittwoch eine Petition im Landtag abgeben und öffentlich auf die unzulängliche Finanzlage der Theater und Kultur in Niedersachsen aufmerksam machen. Wir sprachen mit Antje Thoms und der Geschäftsführerin des Deutschen Theaters (DT) Göttingen, Sandra Hinz.

Die Aktion klingt wie ein Notruf, ein Aufschrei, ist es so ernst?

Sandra Hinz:Wenn nach Verhandlungen von der Landesregierung Anfang des Jahres sechs Millionen Euro zusätzlich für Theater zugesagt werden, man aber kurz vor der Sommerpause hintenrum erfährt, dass null Millionen im Haushalt stehen, sagt das alles. Wir haben darüber die Mitarbeiter informiert, wir wollten sie mitnehmen.

Antje Thoms:Das ist ein besonderer Anlass, aber es geht uns um mehr, als diese sechs Millionen Euro einmalig zurück zu holen. Wir wollen, dass die Kultur, die Theater in Niedersachsen nicht im Vergleich zu anderen Bundesländern abfallen. Denn viele Länder erhöhen die Etats für die Kulturförderung teils deutlich, so Nordrhein-Westfalen, aber auch Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Was passiert denn in Niedersachsen, wenn es finanziell nicht mehr so gut aussieht, wie im Moment?

Wie ist die Lage für Künstler und Theater im Land?

Thoms: Seit Jahren gibt es keine Erhöhungen in der Kulturförderung, was de facto ein Etat-Rückgang ist. Die Aussage, es wird ja nicht gekürzt, ist falsch, denn es ist stetig weniger Geld da. Das wirkt sich bei Regiehonoraren, bei Nicht-Festangestellten, aber auch bei der Ausstattung wie Bühnenbild und Kostümen aus. Und es gibt nichtbesetzte Stellen, so beim Göttinger Symphonie-Orchester. Schade ist, dass die Theaterpädagogik betroffen ist, wo die vielen Schulkooperationen irgendwann nicht mehr bedient werden können. Theaterpädagogik aber wird wiederum vom Land, von der Politik, als Leistung eines Theaters gefordert.

Hinz: Bei uns im DT läuft eine Theaterpädagogik-Stelle wegen befristeter Zuschüsse aus. Ich könnte sie nicht erhalten, obwohl dadurch die Arbeit erweitert worden ist.

Aus der Unterschriftensammlung ist eine Bewegung geworden – wie kommt das?

Thoms: Ich habe mich meiner Kontakte bedient, auch, weil ich dachte, es bringt ja wenig, nur in Göttingen Unterschriften zu sammeln, denn das Problem betrifft ja viele in Niedersachsen. Es hat geklappt, andere Theater, freie wie kommunale, mit ins Boot zu holen, auch die Intendanten sind als Unterstützer dabei. Das ist toll. Die Möglichkeiten, etwas zu erreichen, haben sich nun verbessert.

Was ist denn am DT dringend nötig?

Hinz: Wir müssten unbedingt einmal die Einstiegsgehälter für Schauspieler anheben. Sie steigen mit 2000 Euro Brutto ein. Ich kann sie aber nur dauerhaft anpassen, wenn ich eine verlässliche finanzielle Zusage vom Land habe, und nicht nur für ein Jahr.

Was konkret muss sich denn im Land ändern?

Hinz: Wir brauchen eine langfristige Erhöhung der Fördermittel – und das nicht nur jahresweise.

Thoms: Das würde auch den Freien helfen, deren Gehälter würden ebenfalls steigen. Manche der Kolleginnen und Kollegen arbeiten umgerechnet unter dem Mindestlohn.

Was muss die Politik tun?

Thoms: Der Landtag müsste eine Revolution starten, den Haushalt so nicht genehmigen. Die Politik muss auch abgleichen, mit welchem Etat selbst vorgegebenen Ziele im Kulturbereich zu erreichen sind. Andere Länder tun das, wie gesagt, und erhöhen die Etats nicht nur für die Landestheater, sondern auch für die freien Theater. Die Frage ist doch schließlich auch: Was wollen die Politiker in Niedersachsen? Wollen sie überhaupt Theater? Wollen sie Kultur? Sehr viele Kulturschaffenden aus Theatern stehen jedenfalls hinter unseren Forderungen – das ist eine schöne Solidariät. (tko)

Das sagt Intendant Sidler

Für den DT-Intendanten Erich Sidler war es „gar keine Frage, sich an der Bewegung zu beteiligen“. Man habe im Sommer als Verwaltungsspitze im DT alles in Bewegung gesetzt, um die Interessen auch gegenüber dem Ministerium wahr zu nehmen. „Jetzt kommt das Statement aus der Belegschaft und aus der Kulturszene im Land. Es freut mich, dass die Bewegung so viel Zulauf hat. Sie zieht in kurzer Zeit genau die richtigen Register, kreativ, witzig und strukturiert. Es ist gut, dass jetzt viele laut sind“, sagt Sidler, für den Einiges bei der Förderung im Argen liegt. In Zukunft könne man wichtige theaterpädagogische Angebote für Schulen nicht mehr machen. „Es kann niemand wollen, dass wir stattdessen Stellen im Ensemble streichen. Das ist Ökonomisierung pur.“ Seit 20 Jahren werde nur in der Kultur gespart, die Theater müssten aber trotzdem die Leistung bringen. „Jetzt sprudeln Steuereinnahmen, da müssen wir die Frage stellen, was ist die Arbeit wert.“ (tko)

Zur Person

Antje Thoms, Jahrgang 1976, ist freie Regisseurin, Hausregisseurin am Deutschen Theater Göttingen. Sie ist Mitbegründerin des regie-netzwerks, Mitglied im Ensemble-Netzwerk und der Dramaturgischen Gesellschaft. Sandra Hinz, ist seit 2015 Geschäftsführerin des Deutschen Theaters. Die Juristin arbeitete vorher auch für die Internationalen Händel-Festspiele. Erich Sidler, Jahrgang 1965, ist seit der Spielzeit 2014/15 Intendant des Deutschen Theaters Göttingen. (tko)

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