Multikulti im Klassenraum: Lehrer mit Migrationshintergrund 

Für eine bessere Zukunft: Mar Sydymanov und Claudia Blanschefski haben für zwei Jahre das Horizonte-Stipendium der Hertie-Stiftung für Lehramtstudenten mit Migrationshintergrund bekommen. Foto: Paul

Göttingen. Lehrer mit Migrationshintergrund sind selten an deutschen Schulen. Das Horizonte-Stipendium für Lehramtsstudierende schafft Abhilfe.

Claudia Blanschefski und Mar Sydymanov haben ausländische Wurzeln, studieren in Göttingen und werden über das Horizonte-Programm gefördert. „Das Stipendium hilft uns nicht nur dabei, gute Lehrer zu werden, es formt uns auch auf menschlicher Ebene“, sagt Mar Sydymanov. Er ist bereits seit 2013 Stipendiat der Hertie-Stiftung.

Die Förderung besteht für ihn und Claudia Blanschefski nicht nur aus finanziellen Zuwendungen sondern auch aus einer individuellen Hilfe bei der Karriereplanung: „Die Kurse und Workshops sollen uns in unseren Stärken noch weiter fördern und diese selbst gewählten Schwerpunkte sollen wir dann im schulischen Alltag einbringen“, erklärt Claudia. So könne man sich als Vertrauenslehrer oder Konfliktmanager weiterbilden oder Deutsch als Fremdsprache unterrichten.

Denn die soziale Kluft in Deutschland öffnet sich bereits während der Schulzeit. Eine Kluft, bei der viele Kinder aus Flüchtlings- und Migrantenfamilien auf der Strecke bleiben.

„Zwar schaffen statistisch gesehen immer mehr dieser Kinder einen Schulabschluss und studieren sogar, aber Jobs finden sie aufgrund ihrer Herkunft seltener als Deutsche mit gleicher Qualifikation“, weiß Mar Sydymanov.

Nur etwa fünf Prozent der Lehrer in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. „Demgegenüber stehen aber etwa ein Drittel an Schülern mit ausländischen Wunzeln“, gibt Blanschefski zu bedenken.

Doch beide Lehramtsstudenten sind sich einig: Multikulturalität sind sowohl im Klassen- als auch und im Lehrerzimmer gleichermaßen wünschenswert, ja notwendig. „Die eigene Umwelt verändert sich mit den Menschen darin“, sagt Sydymanov. „Wir haben innerhalb dieser Umwelt die Möglichkeit, ein Bewusstsein für das Anderssein zu schaffen“.

Als Lehrer könnten sie vor ihrem Migrationshintergrund vor allem Identifikationsfiguren und Vorbilder für die Schüler sein, aber auch „Brückenbauer“ zwischen Eltern und Lehrern.

„Wir haben als angehende Lehrer die Möglichkeit, den Begriff ‘Migrationshintergrund’ neu zu definieren und damit verbundenen Vorurteilen entgegen zu arbeiten“, sagt Sydymanov.

Und beide stellen klar: Einen Migrationshintergrund zu haben, bedeute nicht zwangsläufig, dass man bestenfalls einen Hauptschulabschluss und somit auch wenig Zukunft habe – dafür stehen Claudia und Mar sowie das Horizonte-Stipendium als Beweis.

„Es gibt viele Menschen, denen man den Migrationshintergrund nicht einmal mehr ansieht – so wie bei mir“, sagt Claudia Blanschefski. „Aber ebenso wie Menschen mit offensichtlich ausländlischen Wurzeln fällt es teilweise schwer, uns in der Gesellschaft zu platzieren.“ An dem Gefühl müsse man in der Schule ansetzen, um allen Kindern eine Zukunftsperspektive zu geben.

Zur Person

Claudia Blanschefski hat polnische wurzeln. Ihre Mutter kam im Alter von 22 Jahren nach Deutschland. Blanschefski ist hier deutschsprachig aufgewachsen. Die 25-Jährige studiert im Master-Studiengang Gymnasiallehramt für Geschichte und Französisch. Fünf Jahre lang leistete sie Jugendarbeit in ihrer Katholischen Kirchengemeinde. Außerdem gibt sie im Haus der Kulturen Deutsch-Kurse für Flüchtlinge. Mar Sydymanov kam im Alter von vier Monaten nach Deutschland. Seine Eltern stammen aus Kasachstan und Kirgistan. Sydymanov studiert im 5. Master-Semester Gymnasiallehramt für Englisch und Geschichte. Sein freiwilliges soziales Jahr hat der 27-Jährige als Assistenzlehrer für Englisch in Thailand verbracht. Sein ehrenamtliches Engagement sieht er als Hobby an. Er organisiert an der Uni Göttingen auch einen Filmclub für angehende Lehrer und den so genannten Cinepool. Er hat in der Turmstraße Essen an Bedürftige verteilt und war fünf Jahre lang im Vorstand des Stadtjugendrings aktiv, um ein paar seiner Aktivitäten zu nennen.

Von Jasmin Paul

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