Interview mit Göttinger Uni-Klinik-Professorin

Multiresistente Keime: Lösung ist ein Puzzle aus vielen ständig zunehmenden Teilen

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Wichtig: Hygiene, wie hier im Marien-Hospital Düsseldorf, kann helfen, Infektionen zu vermeiden.

Göttingen. 33.000 Menschen sterben in Europa jährlich an Infektionen mit multiresistenten Keimen. Die Zahlen schockierten kürzlich. Eine Professorin der Uni-Klinik ordnet sie ein.

Wir sprachen mit Prof. Simone Scheithauer, Hygiene-Chefin der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) über Zahlen, Infektionen und den Umgang damit.

Welche Todesfallzahlen gelten für Deutschland?

Prof. Dr. Simone Scheithauer: Die Sterblichkeitszahlen sind zutreffend. Es stimmt, dass der Anteil an Infektionen durch resistente Erreger zugenommen hat und weiter zunimmt. So ist es sehr wahrscheinlich, dass es auch zu einer höheren Zahl an Todesfällen bei Infektionen durch eben diese Erreger kommt. Für Deutschland ergab der Vergleich der Nosokomialer Infektionen (NI) – Krankenhausinfektionen – von 2011/12 zu den Vorwerten aus 1993 einen gleichbleibenden Anteil. Eine Erhebung aus 2016 deutet eine NI-Abnahme an. Die Rate an Krankenhausinfektionen in Deutschland ist im EU-Vergleich eher niedrig.

Trifft die Aussage zu, dass die meisten Infektionen in Krankenhäusern entstehen?

Scheithauer: Infektionen durch resistente Erreger kommen laut zitierter Studie zu zwei Drittel in Arztpraxen und Krankenhäusern vor. Das liegt an mehreren Faktoren: die höhere Zahl schwerkranker Menschen dort, der Behandlung mit Antibiotika und eine stärkere Kolonisation, das Vorkommen von Keimen zum Beispiel auf der Haut.

Wie sind die MRE-Fallzahlen der Universitätsklinik Göttingen?

Scheithauer: Wir kennen die Nachweisraten für alle MRE an der UMG genau, weil wir sie stetig erheben und liegen für knapp 80 Prozent der Erreger häufig klar besser als der Bundesdurchschnitt.

Wie groß ist die Bedrohung durch die Erreger für Menschen in Krankenhäusern?

Scheithauer: Die Gefahr, bei einer medizinischen Behandlung eine Infektion zu erlangen, ist so alt wie die medizinische Maßnahme. Wir werden das Risiko nicht auf Null reduzieren können. Aber wir sind angehalten, alles zu unternehmen, das Risiko so gering wie möglich zu halten. Eine aktuelle Studie kommt zu einem Reduktionspotenzial von 30 bis 55 Prozent – je nach Ausgangswert und Infektionsart. Die Komplexität der Erreger hat zugenommen – auch, weil wir genauer hinsehen und über exaktere Nachweismethoden verfügen.

Was führt dazu, dass eine Infektion ausbricht?

Scheithauer: Multiresistente leben ganz normal auf der Haut. Sie können bei Operationen zu Infektionen führen, wenn natürliche Barrieren oder Abwehrfunktionen verletzt werden. Zudem erleichtern Antibiotika resistenten Keimen immer das Überleben, da sie sensible Keime im Wachstum hemmen. Keime, die im Mund beheimatet sind, können im Zuge der Beatmung mit Maschinen in die Lunge gelangen. Manchmal muss eine Zahl von Keimen überschritten werden, um letztlich eine Infektion auszulösen.

Gibt es ein Patentrezept zur Vermeidung von Infektionen?

Scheithauer: Es ist – mit Verlaub – naiv dabei von einem Patentrezept zu sprechen. Wenn ich das Rezept hätte, hätte ich diesen Job nicht. Bei einer so komplexen Thematik wie Multiresistenz ist es naiv zu glauben, es gäbe „ein“ Patentrezept. Vielmehr ist die Lösung ein Puzzle aus vielen ständig zunehmenden Teilen: Wissen schaffen, patientennahe Forschung betreiben; Wissen umsetzen durch dauernde Schulung und Motivation zu richtiger Hygiene sowie sachgerechtem Antibiotikaeinsatz. Auch die Kontrolle muss verbessert werden. Grundvoraussetzung ist die richtige Einstellung aller Beteiligten. Natürlich spielt auch die Arbeitsbelastung in Kliniken eine Rolle.

Was kann Hygiene bewirken, wie muss sie stattfinden?

Scheithauer: Hygiene muss gelebt werden, durch Präsenz des Teams, wo die Hygienefachkräfte eine tragende Rolle spielen. Hygiene muss aber in einer Uni-Klinik, auch forschen, um eine stetige Verbesserung zu ermöglichen. Wir forschen zu Fragen wie: Welche Erreger werden leicht übertragen, welche nicht?

Wie steht es um die Antibiotika-Forschung?

Scheithauer: Es gab eine Phase, die man als Stillstand wahrnehmen konnte. Grund: Die Entwicklung neuer Substanzen ist extrem aufwendig und teuer. Nur ein Stoff von 10 000 erlangt die Marktreife. Und die Patienten werden oft schnell geheilt – im Vergleich zu Dauertherapien wie bei Diabetes, das ist aus Sicht der Hersteller unrentabel. Aber: Es hat sich etwas getan, neue Substanzen sind zugelassen worden.

Studie und Länderranking

Laut Bericht des Zentrums für Krankheitsprävention und -kontrolle in Solna (Schweden) verursachen mulitresistente Keime in Europa pro Jahr 33 000 Todesfälle – bei 670 000 Infizierten. Die Zahl der Todesfälle sei demnach seit 2007 deutlich gestiegen. Grundlage sind Infektionen mit den 16 am häufigsten vorkommenden multiresistenten Erregern, die im europäischen Netzwerk EARS-Net registriert wurden. Die Daten basieren nicht auf Zählungen, sondern Hochrechnungen – aufgrund von zwei Erhebungen aus 2015 und 2011/2012, die, unabhängig von resistenten Erregern, Grundlage ist. Der Hygiene-Chefin der Göttinger Uni-Klinik, Simone Scheithauer, sind die Zahlen seit Längerem bekannt. In dem Solna-Bericht gibt es ein Länder-Ranking: Italien und Griechenland weisen vor Portugal und Frankreich die höchsten Krankheitslasten je 100 000 Einwohner auf. In Italien gibt es bei 200 000 Fällen gut 10 000 Todesfälle, in Frankreich bei 125 000 rund 5500 Todesfälle. In Deutschland starben von 54 509 „errechneten“ Infizierten 2363 an den Folgen. (tko)

Zur Person

Prof. Dr. Simone Scheithauer, geb. 1974, Direktorin der Zentralabteilung für Krankenhaushygiene/Infektiologie an der Uni-Klinik Göttingen, studierte in Bonn und machte in Aachen die Facharztausbildung Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, 2011 in Basel für Hygiene und Umweltmedizin. Scheithauer ist Mitherausgeberin der Zeitschrift „Krankenhaushygiene up2date“. (tko)

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