Mehr Straftaten gegen Burschenschaften

Nach Anschlag auf Verbindung: Göttingens Oberbürgermeister verurteilt Gewalt

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Zerstört: Der angezündete Schuppen auf einem Gelände der Studentenverbindung Corps Hannovera an der Bürgerstraße. Dort war vor zehn Tagen Feuer gelegt worden.

Göttingen. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) hat sich – wenn auch mit Verspätung – deutlich zu einem Brandanschlag am 17. April auf einem Gelände der Verbindung „Corps Hannovera“ an der Bürgerstraße geäußert. Er verurteilt die Gewalt.

„Gewalttätigkeit, auch in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung, kann und wird unsere Stadt nicht dulden.“ Mit diesen Worten bezog sich Rolf-Georg Köhler darauf, dass am 17. April auf dem Gelände der Verbindung ein Schuppen angezündet worden und anschließend niedergebrannt war. Das Bauwerk grenzte direkt an ein Wohnhaus, das ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nach Einschätzung der Polizei bestand durch das Feuer und den Rauch Lebensgefahr für die dort lebenden Menschen. Verletzt worden war zum Glück niemand.

Die Polizei ermittelt in dem Fall Bürgerstraße weiter. An das Gebäude des Corps waren Parolen wie „Tod und Hass“ sowie Symbole wie Hammer und Sichel mit Farbe gesprüht worden.

Aktualisiert: 12.16 Uhr

Köhler bezog sich aber auch auf andere Vorfälle, bei denen Burschenschaftler und Verbindungsstudenten tätlich angegriffen worden waren. Schon seit vielen Jahren kommt es in Göttingen zu Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der linken und der rechten Szene. Und die Zahl der Vorfälle, bei denen Burschenschaften und Verbindungen im Fokus stehen, hat zugenommen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat es laut Göttinger Polizei 14 körperliche Übergriffe gegen Burschenschaftler oder Verbindungsstudenden und mehr als 26 Sachbeschädigungen an Häusern gegeben. Auch aus dem Lager der Burschenschaften und Verbindungen gab es Angriffe. So hatte im Juli 2015 ein 21-Jähriger mit einer Druckluftwaffe aus einem Verbindungshaus auf ein gegenüberliegendes Studentenwohnheims geschossen.

Zu den Vorfällen wie dem Brandanschlag zu schweigen, bedeute, die Gewalt in diesen Fällen offenbar zu billigen, die Gewalttäter zu legitimieren und eine Zuspitzung gewalttätiger Auseinandersetzungen zu riskieren. Göttingen habe sich zuletzt als besonders hilfsbereite Stadt bei der Aufnahme von Flüchtlingen erwiesen. „Mit der gleichen Entschlossenheit müssen wir auch gegen jede Form hausgemachter Gewalt bei uns selbst vorgehen.“ Göttingen sei stolz darauf, eine Stadt zu sein, die keine Bevölkerungsgruppe ausgrenze, sagte Köhler. Auch wenn man Selbstverständnis, Lebensweise oder politische Auffassungen von Burschenschaftlern oder Verbindungsstudenten nicht teile, könne das keine Rechtfertigung für Gewalt gegen sie sein. „Wer in Göttingen lebt, darf keine Gewalt fürchten müssen, ob er einer Burschenschaft und einem Corps angehört oder nicht.“

Bundesweit gibt es etwa 1000 Studentenverbindungen. Göttingen ist in Niedersachsen der Hochschulstandort mit den meisten Verbindungen, es sollen 42 sein. Laut Wikipedia steht Göttingen damit an vierter Stelle hinter München (84), Berlin (63) und Bonn (51).

Stichworte: Corps und Burschenschaft

Im Allgemeinen Sprachgebrach werden studentische Verbindungen oft allgemein und fälschlicherweise, zum Teil auch abwertend, als Burschenschaften bezeichnet und das, obwohl nur 300 der insgesamt bis 2200 studentischen Verbindungen tatsächlich Burschenschaften heißen. Die meisten anderen studentischen Korporationen wie katholischen Studentenverbindungen, Landsmannschaften oder Corps haben historisch keine Verbindung zum Ursprung der Burschenschaften und sind oft auch anders ausgerichtet. So vereinen, die durchaus oft auch erzkonservativen Corps offiziell junge Studenten ganz gleich ihrer politschen Überzeugung, Herkunft, Religion und Nationalität. Burschenschaften sind stets auch politisch, werden oft rechtsnational oder gar rechtsradikal bezeichnet, was nicht immer zutreffend und ein Widerspruch zu ihrem Eintreten für die Demokratie nach Gründung 1817 ist. Das "Corps Hannovera" in Göttingen wurde 1809 gegründet. Bekanntestes Mitglied war der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck.

Archivfotos:

Schuppen von Göttinger Studentenverbindung brannte

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