Sechs Jahre später

Prozess nach tödlicher Gasexplosion in Göttingen: Geldstrafen für zwei Angeklagte

Untersuchung nach der Gasverpuffung: Vor dem Gebäude am Weender Tor wurde auch der Untergrund und dort liegende Leitungen überprüft.
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Gasverpuffung im Februar 2015 am Weender Tor in Göttingen: Am Freitag wurde die Plädoyers in dem Prozess um die Explosion gehalten. (Archivfoto)

Nach einer Gasexplosion beim Blutspendedienst in Göttingen im Jahr 2015 endete nun der Prozess vor dem Amtsgericht Göttingen. Zwei Angeklagte wurden zu Geldstrafen verurteilt.

Update vom 19.07.2021, 17.55 Uhr: Sechseinhalb Jahre nach einer Gasexplosion beim Göttinger Blutspendedienst hat das Amtsgericht Göttingen zwei Handwerker zu Geldstrafen verurteilt.

Das Gericht befand den Geschäftsführer und einen Mitarbeiter einer Elektroanlagenfirma der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung für schuldig. Die beiden Angeklagten hätten es im Sommer 2012 bei Installationsarbeiten versäumt, ein in den Flurbereich des Blutspendedienstes führendes Leerrohr abzudichten.

Dies sei aber durch eine DIN-Norm zwingend vorgeschrieben. Dieses Versäumnis habe drei Jahre später am 15. Februar 2015 zu dem Gasunglück geführt. Das Gericht verurteilte den Betriebsinhaber zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 100 Euro (insgesamt 6000 Euro) und den Mitarbeiter zu 50 Tagessätzen zu je 50 Euro (insgesamt 2500 Euro). Zwei weitere Handwerker – ein Maurer und ein Elektriker – wurden dagegen freigesprochen.

Eine Ärztin der Göttinger Universitätsmedizin (UMG) hatte durch die Gasexplosion so schwere Verbrennungen erlitten, dass sie an den Folgen verstarb. Ein Mitarbeiter des UMG-Sicherheitsdienstes erlitt ebenfalls erhebliche Verbrennungen. Dass er das Unglück trotz dieser schweren Verletzungen überlebt hat, hat er vermutlich seiner Sicherheitskleidung zu verdanken. Dadurch habe die Feuersbrunst seinen Körper nicht vollständig erfassen können, sagte der Vorsitzende Richter Mark Tofall. Das Opfer war damals in eine Spezialklinik in Halle gekommen, wo ihn die Ärzte für vier Wochen in ein künstliches Koma versetzten. Er wurde dreimal operiert, zwei weitere Operationen stehen noch aus. Der 36-Jährige, der in dem Prozess als Nebenkläger auftrat, ist aufgrund der erlittenen Verbrennungen gesundheitlich massiv beeinträchtigt und traumatisiert.

Nach Auffassung des Gerichts oblagen dem Geschäftsführer der Elektroanlagenfirma besondere Organisationsverpflichtungen. Als Betriebsinhaber habe er zu gewährleisten, dass Arbeiten nach dem Stand der Technik ausgeführt und notwendige Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden.

Mit seinem Urteil blieb das Gericht unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hatte für den Geschäftsführer der Elektroanlagenfirma eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 100 Euro (insgesamt 15 000 Euro) und für beide mitangeklagte Mitarbeiter eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 50 Euro (insgesamt 7500 Euro) gefordert. Die Verteidiger hatten dagegen unisono auf Freispruch für ihre Mandanten plädiert. (Heidi Niemann)

Update vom 16.07.2021, 17.50 Uhr: Im Prozess um die Gasexplosion beim Göttinger Blutspendedienst hat die Staatsanwaltschaft am Freitag (16.07.2021) in ihrem Plädoyer beantragt, drei Mitarbeiter einer Elektrofirma zu Geldstrafen zu verurteilen.

Die Angeklagten hätten sich der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht, weil sie es im Jahr 2012 bei Installationsarbeiten versäumt hätten, ein in den Flurbereich des Blutspendedienstes führendes Leerrohr abzudichten. Dieses Versäumnis habe drei Jahre später am 15. Februar 2015 zu dem Gasunglück geführt. Bei einem mitangeklagten Maurer sei dagegen keine entsprechende Kausalität feststellbar, deshalb sei er freizusprechen. Die Verteidiger der vier angeklagten Handwerker plädierten allesamt auf Freispruch. Bei der Explosion erlitt eine 55-jährige Ärztin schwerste Brandverletzungen und verstarb zehn Tage später an Multiorganversagen. Ein 36-jähriger Mitarbeiter des UMG-Sicherheitsdienstes, der sie noch mit ins Freie hinausgezogen hatte, erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht sowie an Händen und Beinen.

Die Angeklagten, Mitarbeiter der Elektrofirma, hätten nach der Verlegung von Kabeln das Leerrohr gasdicht abdichten müssen, sagte die Staatsanwältin. „Wäre das Rohr abgedichtet gewesen, wäre das alles nicht passiert.“ Eine einfache Kappe hätte genügt. Die drei Angeklagten hätten die entsprechende DIN-Norm, die dies vorschreibt, missachtet und damit gegen die ihnen obliegende Sorgfaltspflicht verstoßen. Der Geschäftsführer der Elektroanlagenfirma sollte deshalb zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 100 Euro (insgesamt 15 000 Euro) verurteilt werden, seine beiden Mitarbeiter sollten eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 50 Euro (insgesamt 7500 Euro) erhalten.

Die Anwälte der Nebenklage, die den schwerverletzten UMG-Mitarbeiter und die Familie der verstorbenen Ärztin vertreten, schlossen sich dem Antrag der Staatsanwaltschaft an. Ihnen gehe es in dem Prozess darum, dass aufgeklärt werde, was passiert sei und wer dafür die Verantwortung trage.

Die Verteidiger machten geltend, dass es durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zu dem Unglück gekommen sei. Dieses sei nicht vorhersehbar gewesen. Außerdem sei trotz diverser Sachverständigengutachten nicht geklärt, wie genau das Gas in das Haus gelangt sei. Das Gericht will sein Urteil am Montag verkünden.

Erstmeldung vom 08.06.2021, 17.35 Uhr: Göttingen - Im Prozess um die Gasexplosion beim Göttinger Blutspendedienst hat am Montag (07.06.2021) der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ausgesagt. Er war bei dem Unglück schwer verletzt worden. Der 36-Jährige, der in dem Verfahren auch als Nebenkläger auftritt, hatte am Morgen des 15. Februar 2015 mit einer Ärztin der Göttinger Universitätsmedizin das Gebäude am Weender Tor betreten.

Er habe die Tür aufgeschlossen. Die Ärztin sei dann als erste ins Haus gegangen und habe am Treppenaufgang den Lichtschalter betätigt. Im gleichen Moment sei von oben eine Feuerwalze auf sie zugekommen.

Er hatte dann nach eigenen Angaben die Ärztin ergriffen und aus dem Treppenhaus nach draußen in Richtung des Heinz-Erhardt-Denkmals gezogen. Der Mitarbeiter des UMG-Sicherheitsdienstes erinnert sich auch noch, dass er sich draußen auf dem Boden wälzte und jemand versuchte, die Flammen zu ersticken. Wie es danach weiterging, weiß er nicht. Erst vier Wochen später sei er aus dem Koma erwacht, sagte er.

Ärztin stirrb nach Gasexplosion bei Blutspendedienst in Göttingen

Mit schweren Verbrennungen war er mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik in Halle gebracht worden, wo ihn die Ärzte in ein künstliches Koma versetzten. Die 55-jährige UMG-Ärztin kam mit schwersten Brandverletzungen in die Medizinische Hochschule Hannover, wo sie zehn Tage später an Multiorganversagen verstarb.

Der 36-Jährige kam auch deshalb mit dem Leben davon, weil er eine Schutzweste getragen hatte. Die gesundheitlichen Folgen sind indes gravierend: Der 36-Jährige erlitt Verbrennungen dritten Grades, so im Gesicht und an den Händen. Die Folge waren mehrere Hauttransplantationen. Noch heute sind auch die Beine betroffen, so muss er Kompressionskleidung tragen. Durch die Corona-Pandemie ist er noch belastet, weil die Desinfektionsmittel die beschädigte Haut angreifen.

Auch die psychischen Folgen sind erheblich, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Familie. Als sie zwischenzeitlich erfuhren, dass das Strafverfahren eingestellt worden war, seien sie entsetzt gewesen. „Das war ein Schlag ins Gesicht für meine ganze Familie“, sagte der 36-Jährige. Auf die Beschwerde der Nebenklage hin wurde das Verfahren dann wieder aufgenommen. Dass es sechs Jahre dauerte, bis das Unglück nun vor Gericht verhandelt wird, habe sie aber sehr belastet.

Göttingen: Staatsanwaltschaft wirft vier Männern fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor

In dem Prozess müssen sich ein Maurer sowie der Inhaber und zwei Mitarbeiter einer Firma für den Bau von Elektroanlagen wegen fahrlässiger Tötung sowie fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft den vier Handwerkern vor, ein Leerrohr nicht ordnungsgemäß verschlossen und abgedichtet zu haben. Dadurch habe Gas, das aus einer Erdgasleitung austrat, in das Gebäude gelangen können. Laut Gutachter hatte sich das Gas über Nacht in dem Treppenhaus gesammelt, sodass ein zündfähiges Gemisch entstand. „Eine fürchterliche Verkettung von unglücklichen Umständen“ habe zu dem Unglück geführt, sagte der Gutachter. (Heidi Niemann)

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