Festnahmen verhinderten geplanten Anschlag - große Terroristen-Unterstützerszene

"Wir haben euch genau im Auge": Weitere Gefährder in Göttingen bekannt

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Ein Einsatzort: Wohnblocks im Elisabeth-Heimpel-Weg auf den Göttinger Zietenterrassen.

Göttingen. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben Göttingen seit Jahren als "Hotspot" für die radikal-islamistische Szene im Blick. Die Razzia führt das drastisch vor Augen.

Im beschaulichen Viertel Zietenterrassen wurden die Bewohner um fünf Uhr aus dem Schlaf gerissen. Und nicht nur dort, sondern auch in elf Göttinger Häusern und einem Kasseler Gebäude, wo die Polizei im Schutz der Nacht zugriff.

Mit Erfolg: Zwei in Deutschland geborene Männer wurden in Langzeitverwahrung genommen ein 22-jähriger Nigerianer und ein 27-jähriger Algerier, die sich offensichtlich radikalisiert haben. Die Polizei zählt sie zur Szene der anschlagbereiten "Gefährder".

Allein sind sie nicht: Die Experten gehen von 50 Gefährdern aus der radikalen salafistischen Szene in Niedersachsen aus, darunter sind Ausländer, Deutsche mit Migrationshintergrund und zum Islam konvertierte.

Auch in Göttingen sind sie nicht allein: Dort gibt es "vier bis fünf" wie Einsatzleiter Bernd Wiesendorf sagt. Die Zahl der Unterstützer der möglichen Terroristen ist weit größer. "Wenn man sieht, wie viele Wohnungen jetzt durchsucht wurden, dann wird klar, wie groß die Unterstützerszene in Göttingen etwa ist."

"Im Auftrag des Islam": Der Schriftzug steht an der Tür eines Autos, das vor einem in Göttingen durchsuchten Wohnblock steht.

Einen Hinweis auf eine vermutlich stärkere Aktivität in der Göttinger Salafistenszene lieferte Anfang des Jahres auch eine Maßnahme der niedersächsischen Polizei: Die Staatschutzstellen Göttingen und Hildesheim wurden personell aufgestockt.

Damit reagierte die Polizeidirektion Göttingen laut Präsident Uwe Lührig auf die „wachsenden Herausforderungen durch Islamisten“. Göttingen und Hildesheim sind sogenannte Hotspots der Szene, aus der auch radikale Salfisten in Krisengebiete wie Syrien ausgereist sind, vermutlich um zu kämpfen. Die Polizei habe deshalb reagiert und den betroffenen Staatschutzkommissariaten mehr Personal zugewiesen.

So seien auch weitere Ermittlungsgruppen für „offene und verdeckte polizeiliche Maßnahmen“ eingesetzt worden. „Das Aufgabenspektrum der Polizei hat durch die aktuellen Herausforderungen wie durch internationalen Terrorismus eine neue Dimension erlangt“, so Lührig.

Die gefassten radikalen Salafisten, die laut Polizei "sporadisch arbeiteten" der 27-Jährige in einem Callcenter, der 23-Jährige als Azubi "standen in regem Kontakt zur Szene in Hildesheim, in anderen Städten, Bundesländern und im Ausland", wie Volker Warnecke, Leiter des zentralen Kriminaldienstes weiß. Kampferfahrungen in Irak oder Syrien hatten sie bisher keine.

Verstärkt im Blick hatten die Fahnder seit Sommer 2016 arbeitet im Stillen in Göttingen eine siebenköpfige Sonderermittlungsgruppe die beiden Salafisten seit einer Durchsuchung am 11. März 2016, an der auch Sondereinsatzkräfte beteiligt waren. Es bestand der Verdacht, die Salafisten wollten sich illegal Waffen beschaffen. Damals wurde auch der 27-Jährige verhört.

Jetzt wurden sieben erlaubnisfreie Waffen in Göttingen beschlagnahmt, zwei waren so umgebaut worden, dass mit ihnen ebenfalls gefundene scharfe Munition abgefeuert werden kann. Im Arsenal auch eine Machete und IS-Fahnen. "Wahrscheinlich wurde mit Waffen und Fahnen posiert", sagte Warnecke.

Ob die Waffen für einen Anschlag genutzt werden sollten, ist unklar. Polizeipräsident Uwe Lührig jedenfalls hielt "einen Anschlag, wie er in Deutschland und anderen Ländern verübt wurde, für möglich". Die beiden Terrorverdächtigen sollen nun nach Ende der Ermittlungen möglichst abgeschoben werden.

Innenminister Boris Pistorius (SPD) bewertet die "exzellente Aktion" am Donnerstag als "wichtigen Schlag gegen die Szene". Die Botschaft sei: "Wir haben euch genau im Auge."

Möglicher Terroranschlag in Göttingen verhindert - Pressekonferenz der Polizei

Für Pistorius ist die gelungene Razzia politisch bedeutend: Seit der Panne um eine vorab bekanntgewordene Aktion in der Moschee des Deutschsprachigen Islamkreis (DIK) Hildesheim im Juli 2016 steht er unter Druck, obwohl der DIK als Hotspot der Salafistenszene gilt, ein Drittel der aus Niedersachsen ausgereisten Terrorkrieger aus dem Dunstkreis des Vereins stammte.

In Göttingen und Kassel passte das Zusammenspiel von Verfassungsschutz, Landeskriminalämter und Polizei. "Es hat alles hervorragend funktioniert, niemand wurde trotz des riskanten Einsatzes verletzt", sagte Polizeipräsident Lührig erleichtert.

Salafistische Szene in Niedersachsen und Hessen:

In Deutschland weren nach Angaben des Bundesverfassungsschutzes mehr als 9700 Personen dem Salafismus zugerechnet, einer besonders radikalen islamischen Strömung des Islam. Die Szene gruppiert sich meist um Einzelpersonen. Die Gruppen kommunizieren vor allem im Internet, etwa in WhatsApp-Gruppen.

In Niedersachsen gibt es laut niedersächsischem Verfassungsschutz knapp 700 Salafisten, 77 von ihnen seien Richtung Syrien und Irak ausgereist. Etwa 50 werden in Niedersachsen als „Gefährder“ bewertet und besonders beobachtet. Ihnen wird das Ausüben eines Attentats oder einer schweren Gewalttat zugetraut. Als salafistische Schwerpunkte gelten unter anderem die Städte Hildesheim und Wolfsburg, mittlerweile aber auch Göttingen. Entsprechende Durchsuchungen gab es bereits in mehreren Städten, neben Göttingen auch in Hannover, Oldenburg und Osnabrück.

In Hessen werden rund 1650 Personen als Salafisten eingestuft. Als islamistische Gefährder ordnen die Sicherheitsbehörden rund 40 Menschen ein. Zwei Drittel von ihnen sind laut Innenministerium im Ausland oder in Haft. In den vergangenen Monaten hat es auch in Hessen mehrere Durchsuchungen in der Islamisten-Szene gegeben, so in Kassel, Frankfurt, Offenbach, Darmstadt, Limburg und Wiesbaden sowie in den Kreisen Offenbach, Groß-Gerau, Marburg-Biedenkopf und Main-Taunus. (nis/tpa/dpa/tko)

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