89-jähriger Göttinger starb kurz nach Corona-Impfung

„Nachbeobachtungszeit ist wichtig“: Eva Hummers über Nebenwirkungen und Risiken der Corona-Impfung

CoViD-19-Impfung
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CoViD-19-Impfung: Auch in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) werden Mitarbeitergeimpft – ältere Menschen vertragen die Dosis meist gut.

Tragischer Tod: Ein 89-jähriger Göttinger war am Samstag kurz nach einer Corona-Impfung im Zentrum an der Siekhöhe auf dem Heimweg kollabiert und später trotzt sofortiger Rettungsmaßnahmen im Zentrum gestorben.

Göttingen – Die Obduktion ergab: an einer zuvor nicht bekannten Vorerkrankung. Wir sprachen mit der ärztlichen Impfzentrum-Leiterin, Prof. Dr. Eva Hummers, über Impfrisiken und -nebenwirkungen und mögliche Anzeichen, die zur Absage des Impftermins zwingen könnten.

Frau Professor Hummers, sind solch folgenschwere Ereignisse wie vom Samstag zu vermeiden? Muss in den Impfzentren vor- und nachbereitend etwas geändert werden?
Anlass zu Verbesserungen sehe ich im Moment nicht. Wichtig ist, dass die vorgesehenen Abläufe im Impfzentrum gut eingehalten werden. Das ärztliche Impfgespräch ist wichtig, um die Impfeignung zu prüfen, vor allem aber auch, um Fragen zu beantworten und die Impfkandidaten zu beruhigen. Sehr wichtig ist auch die Nachbeobachtungszeit – auch für Personen, die gesund sind und sich nach der Impfung wohlfühlen. Allergische oder allergieähnliche Reaktionen treten in meist im Zeitfenster von 15 Minuten nach der Impfung auf. Sie können dann sofort erkannt und behandelt werden, während sich die geimpfte Person unter ärztlicher Aufsicht befindet und erforderliches Material vor Ort ist.
Und in der Nachverfolgung? Fehlen nicht generell Erfahrungen?
Die genaue Nachbeobachtung der Impfung und Aufklärung aller Todesfälle ist äußerst wichtig, um tatsächliche Impfnebenwirkungen auch wirklich erkennen zu können. Allerdings dürfen keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden.
Wie beurteilen Sie die Belastung durch die Corona-Impfungen – besonders für die älteren Menschen über 80?
Die überwiegende Anzahl der Geimpften verträgt die Impfung problemlos. Die „Durchimpfung“ der Pflegeheime hat gezeigt, dass das auch für ältere und alte Menschen gilt. Auch fast alle Menschen mit vielen und unterschiedlichen Vorerkrankungen sowie Hochbetagte haben die Impfung gut vertragen. Da alte Menschen durch eine CoViD-19- Erkrankung besonders gefährdet sind, das Risiko mit jeder Lebensdekade über 60 deutlich ansteigt, ist für diese Personengruppe der Impfschutz besonders wichtig.
Bei welchen Anzeichen und Vorerkrankungen sollte ein Impftermin wieder abgesagt werden?
Menschen mit einer ausgeprägten akuten Infektion oder Fieber sollten die Impfung verschieben, da die Wirkung möglicherweise schlechter ist. Aus demselben Grund sollte möglichst ein Abstand von zwei Wochen zu anderen Impfungen eingehalten werden. Falls es einer Person kurz vor oder am Impftermin akut schlecht geht, sollte zunächst die Ursache ärztlich geklärt und der Termin im Zweifel lieber verschoben werden. Nicht geimpft werden dürfen Personen, die eine bekannte Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe des Impfstoffs haben.
Mancher wägt auch Nutzen und Risiko ab – besonders bei alten Menschen..
Nur bei sehr kranken Menschen mit eng begrenzter Lebenszeitprognose, die nur noch wenige Außenkontakte haben, sollte gegebenenfalls auch von einer Impfung abgesehen werden, wenn der zu erwartende Nutzen begrenzt ist und Impfreaktionen womöglich das Befinden so verschlechtern könnten, dass sie nicht zumutbar erscheinen. Hier sollte – wann immer möglich – die betroffene Person selbst, falls notwendig aber auch gesetzliche Betreuer und Angehörige, in die Entscheidung einbezogen werden, gegebenenfalls sollte eine ambulante Ethikberatung erfolgen.
Noch einmal: Wie bewerten Sie das Risiko?
Es gibt nur sehr wenige Gründe, nicht gegen CoViD-19 zu impfen. In der Corona-Pandemie ist die Gefährdung durch Infektion und Erkrankung fast immer viel größer als die Gefährdung durch Impfreaktionen oder -nebenwirkungen. Dies gilt vor allem für ältere Menschen, aber auch für die, die durch ihre Berufstätigkeit ein besonders hohes Risiko haben sich zu infizieren, wie in ärztlichen oder pflegenden Tätigkeiten.
Wann sollte die Zweitimpfung ausgesetzt werden?
Nach einer normalen, auch ausgeprägten Impfreaktion in den Tagen nach der Erstimpfung darf und sollte aber die zweite Impfung erfolgen – auch wenn dann erneut mit Symptomen zu rechnen ist Nicht erneut geimpft werden dürfen Personen, die bei der Erst-Impfung so heftig allergisch reagiert haben, dass eine medikamentöse Sofortbehandlung notwendig war.
Kann die Aufregung vor einer Impfung für alte Menschen ein Risiko sein?
Die Aufregung um Impftermine und die Impfung kann durchaus ein Faktor sein, der ganz allgemein Reaktionen verstärkt. So haben in den Zulassungsstudien der Impfstoffe auch sehr viele Studienteilnehmer ausgeprägte Impfreaktionen verspürt, die Plazebogruppen zugelost worden waren, also ohne es zu wissen gar keinen Impfstoff, sondern nur eine Kochsalzlösung erhalten hatten – wasselbstverständlich nur in Studien vorkommt, im Impfzentrum wird immer Impfstoff verwendet. Es ist auch vorstellbar, allerdings nicht bewiesen, dass die Aufregung oder auch der dann abklingende Stress nach der Impfung eine Kreislaufreaktion verstärken kann oder zu einer Verschlechterung einer Grunderkrankung beitragen könnte – ähnlich wie Aufregung aus anderen Anlässen.
Wie kann sich ein älterer Mensch auf die Covid-Impfung vorbereiten?
Eine besondere Vorbereitung gibt es nicht. Soweit das überhaupt möglich ist, sollte Aufregung vermieden werden. Man kann sich im Vorfeld informieren, so auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts, oder über Hausärztin oder Hausarzt, die auch Fragen beantworten können. Gerade ältere oder vorerkrankte Menschen sollten, soweit es geht, an gewohnten Abläufen festhalten, insbesondere auch ihre Medikamente und Mahlzeiten wie gewohnt einnehmen. Die meisten Älteren machen das genau richtig – mit Zeit, Geduld und viel Gelassenheit.

Zur Person:

Prof. Dr. Eva Hummers (55), ist gebürtige Kölnerin, Humanmedizinerin und Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin der Uni-Medizin Göttingen. Sie ist außerdem seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommssion (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI), sitzt dort auch in der Arbeitsgruppe Lieferengpässe. Hummers wird mittlerweile häufig als Expertin zum Thema Corona-Impfungen in Talk-Shows wie Markus Lanz eingeladen.

Prof. Dr. Eva Hummers

Reaktionen können stärker ausfallen, als bei anderen Impfungen

Diskutiert wird über die Nebenwirkungen der CoViD-19-Impfungen. Ein Blick in die Beipackzettel schürt die Unsicherheit. Andererseits gibt es auch bei anderen Impfungen Nebenwirkungen und durchaus erwünschte Reaktionen des Körpers. Das sagt auch Prof. Dr. Eva Hummers. Die Direktorin für Allgemeinmedizin an der Uni- Medizin Göttingen verweist bezüglich der Nebenwirkungen von CoViD-19-Impfungen auf die Zulassungsstudien. Daraus ist bekannt, dass alle drei zugelassenen Impfstoffe „vergleichsweise häufig unangenehm spürbare Impfreaktionen auslösen“, wie Hummers berichtet.

In den Tagen nach der Impfung können so nach Aussage von Hummers nicht nur Schmerzen an der Einstichstelle oder am Arm auftreten, sondern auch grippeähnliche Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Müdigkeit und ein allgemeines Krankheitsgefühl. „Diese treten mehr oder weniger ausgeprägt bei etwa der Hälfte der erstmals geimpften Personen auf, und bei rund drei Viertel der zum zweiten Mal geimpften Personen.“ Für Laien erstaunlich, für Mediziner durchaus normal: „Jüngere Menschen sind häufiger und schwerer betroffen, ältere Personen vertragen die Impfung meist besser.“ Das seien normale Reaktionen des Immunsystems, die anzeigen, dass der Körper sich wie gewünscht mit dem Impfstoff auseinandersetzt, sagt Hummers. „Sie sind nicht ansteckend, verschwinden nach wenigen Tagen und dürfen bei Bedarf auch mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln behandelt werden.“

Reaktionen können auch nach anderen Impfungen auftreten. Aber sind sie, wie nach Grippeimpfungen, viel seltener und meist weniger stark – nur Schmerzen an der Einstichstelle kommen häufiger vor, wie die Professorin sagt. „Relativ häufig treten ausgeprägtere Impfreaktionen, zum Beispiel nach der Impfung gegen Herpes Zoster – der Gürtelrose – auf, oder nach Wiederholungsimpfungen gegen Pneumokokken.“

Dagegen seien „echte“ Nebenwirkungen sehr viel seltener: Einige wenige Personen entwickeln in den Minuten nach der Impfung einen Ausschlag, plötzliche Kopfschmerzen, oder Übelkeit, seltener auch Atembeschwerden oder Kreislaufprobleme. „Diese Symptome können entweder durch eine Allergie auf einen Inhaltsstoff ausgelöst sein, oder durch eine überschießende Immunreaktion, die Komplementreaktion. Diese Nebenwirkungen lassen sich durch sofortige Gabe antiallergischer und bei Bedarf kreislaufstützender Medikamente gut behandeln“, sagt Hummers. (Thomas Kopietz)

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