Trauer um SPD-Politiker

Nachruf auf Thomas Oppermann: Ein zielstrebiger Stratege

Gastgeber für die SPD-Prominenz: Rudolf Scharping, Thomas Oppermann und Gerhard Schröder
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Gastgeber für die SPD-Prominenz: Thomas Oppermann (Mitte) mit Rudolf Scharping, Gerhard Schröder (rechts) und Inge Wettig-Danielmeier (links) im August 1993.

Trauer um den Göttinger SPD-Politiker Thomas Opperman - ein Nachruf.

Göttingen – Thomas Oppermann war bereit für ein Fernsehinterview. Wie so oft. Und selbst am Wochenende. In einem Göttinger Max-Planck-Institut wartete der Bundestagsvizepräsident auf die Live-Zuschaltung für die ZDF-Sendung Berlin-direkt.

Plötzlich brach Oppermann zusammen und kurz darauf kämpften die Ärzte in der nahegelegenen Göttinger Uni-Klinik darum, den 66-Jährigen ins Leben zurückzuholen. Vergeblich. Thomas Oppermann ist tot, hinterlässt Familie und vier Kinder. Die deutsche Politik verliert in ihm einen erfahrenen wie präsenten Mitstreiter, einen Kämpfer für die Demokratie.

Noch am Freitag zeigte er sich beim Göttinger Literaturherbst vital wie eh und je, parierte auch die Kritik von Autor Uwe Timm, die Politiker würden zu wenig lesen, mit einem zwar durch die Maske verdeckten, aber an den sich streckenden Augenfältchen erkennbaren Lachen. Oppermann war gut drauf und körperlich in Top-Form: braun gebrannt, schlank. Auch dafür arbeitete er regelmäßig, trieb Sport, wanderte leidenschaftlich gern.

Ehrgeizig. Spricht man mit Weggefährten und Politikern, dann fällt stets dieses Wort. Thomas Oppermann war vom Ehrgeiz angespornt, fleißig und zielstrebig. Er war kein Politiker, der vollmundig etwas versprach und es nicht hielt. Im Wahlkreis war er zwar nicht für alle nahbar, aber ein Kümmerer mit Plan. Göttingen, Südniedersachsen und das Land haben ihm viel zu verdanken – vor allem die traditionsreiche Georg-August-Universität, die Universitätsmedizin und andere Forschungseinrichtungen. Immer wieder und nicht nur als Wissenschaftsminister spannte er sich vor den Karren, um viele Millionen und Hilfen gen Göttingen zu bewegen. Oft gelang das, weil Oppermann wusste, an welchen Strippen er in Berlin ziehen musste. Darüber sprach er selten. Erst dann, wenn alle Seile festgezurrt, die Würfel gefallen waren. Unumstößlich.

Thomas Oppermann war Jurist. Als solcher verhielt er sich, auch gegenüber Journalisten. Korrekt, verlässlich, taktisch, stets kopfgesteuert: manchmal zugeknöpft, dann wieder offen. Wem er wann, welche Informationen streute, das war wohl überlegt und durchaus reichweitengesteuert. In Gesprächen und Interviews ging es ihm immer um die Sache, auch um eigene Erfolge, fast nie um das Persönliche. Dem medial präsenten Oppermann gelang es so, die -Privatsphäre zu wahren. Sein politisches Profil schärfte er als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, wo er , thematisch vielschichtig, die öffentlichen Attacken ritt.

Um den sportbegeisterten Oppermann zu charakterisieren bedienen sich seine Göttinger Bundestagskollegen Konstantin Kuhle (FDP) und Fritz Güntzler (CDU) der Fußballersprache: „Er suchte als Stürmer gern den Abschluss, übersah schon mal den Mitspieler, weil er selbst das Tor machen wollte.“ Thomas Oppermann sah die Chance, etwas zu erreichen, und nutzte sie dann auch. Damit stieß das typische Alpha-Tier, so Güntzler, den Kollegen auch mal vor den Kopf – aber immer im Sinne der Sache, das anvisierte Ziel zu erreichen.

In Berlin wurde Oppermann geachtet, geschätzt, seine Stimme hatte Gewicht: verlässlich und fair nennt ihn – stellvertretend für viele – Kanzlerin Angela Merkel. In der SPD, wo er zu den Konservativen zählte, schätzen viele seine Erfahrung, Besonnenheit, Leidenschaft und das wohlüberlegte, strategische Vorgehen. Mit allen in der SPD aber konnte Oppermann nicht, hinter die Kanzler-Kandidatur von Olaf Scholz stellte er sich bedingungslos. „Es ist der beste Mann an dieser Stelle“, sagte er kürzlich im Interview mit unserer Zeitung, nachdem er seinen Rückzug aus dem Bundestag für 2021 verkündet hatte.

Mit dem Göttinger geht auch ein Demokrat, der für das System einstand, stetig Giftpfeile aus dem Köcher zog und gegen Rechte abfeuerte. Gleichwohl zeigte er sich kritisch, forderte zuletzt mehrfach, die Entscheidungskompetenz des Parlaments auch in Corona-Zeiten zu stärken.

Mit Thomas Oppermann verliert die deutschen Politik ein Gesicht, natürlich auch die SPD, deren Absturz Oppermann schmerzte, was er aber nicht zeigte. Zu diesem Gesicht zu werden, auch daran hat Oppermann hart gearbeitet – auch aus Eitelkeit.

Wenn man ihm die Hitliste der Talk-Show-Gäste vorhielt und er dort weit oben rangierte, dann tat er das gerne mit einer lapidaren Handbewegung ab. Aber ein Blitzen in den blauen Augen und ein verschmitztes Lächeln mit seinen schmalen Lippen signalisierten eine andere Botschaft: „Ich gehe gerne zu Lanz, Illner und Maischberger, diskutiere, beziehe Stellung.“ So auch für das ZDF am Sonntagabend in Göttingen. Thomas Oppermann wird fehlen – nicht nur den Angehörigen und Freunden. (Thomas Kopietz)

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