Klinsi, Jogi und die Göttinger Universitätsmedizin

"Führungskräfte müssen über sich selbst lachen können" - Nationalelf-Psychologe sprach in Göttingen

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Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, u.a. Psychologe der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft von 2004 bis 2018. 

Jürgen Klinsmann holte den Psychologen Hans-Dieter Hermann 2004 zur Fußball-Nationalmannschaft. Am Montag war der Sportpsychologe als Referent im Göttinger Uni-Klinikum zu Gast. 

Nein, es war kein Telefonscherz, als ein gewisser Jürgen Klinsmann den Psychologen Hans-Dieter Hermann anrief – damals 2004. Es war „der“ Jürgen Klinsmann, der den unansehnlichen Fußball der Nationalmannschaft samt der verstaubten Strukturen im Deutschen Fußball Bund ab 2006 neuen Pfiff verpasste. 

Ohne diesen Anruf und der bis heute folgenden erfolgreichen Arbeit als Sportpsychologe für den DFB und das Nationalteam wäre Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann wohl nicht am Montag im Uni-Klinikum als Referent gelandet.

Geholt hat ihn das Betriebliche Gesundheitsmanagement der UMG, um den Führungskräften im 8000-Mitarbeiter-Haus aufzuzeigen, welches Potenzial der Leistungssport für einen Betrieb, ein Klinikum, bieten kann.

Aus dem Nähkästchen

„Was kann Spitzenmedizin vom Spitzensport übernehmen?“ lautet die Fragestellung, die Hans-Dieter Hermann keine 90 Minuten lang beleuchtet. Nicht aber, ohne zunächst einmal – in sympathischer Art und Weise – aus dem Nähkästchen der Nationalmannschaft zu plaudern.

Hatte Organisatorin Dr. Sabrina Rudolph charmanterweise Hermanns Zutun beim WM-Triumph in Brasilien 2014 erwähnt, rückte das der Dozent sogleich selbstironisch zurecht: „Ich war auch 2018 in Russland dabei...“

So wichtig ist Humor 

Wer über sich lachen kann, als Führungskraft, der hat es leichter, der schafft Lockerheit und findet Zugang zu Mitarbeitern. Um das Thema Erfolgreiche Führung ging es auch – vor den 100 Führungskräften, darunter die Vorstände Dr. Sebastian Freytag und Dr. Martin Siess. 

Außerdem um Teamfähigkeit und die Kraft, die eine Teamleistung freisetzen kann.

Vortrag in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG): Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, Psychologe der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft (Bildmitte eingerahmt von Carsten Müller (Leiter Gechäftsbereich Personal), Dr. Sabrina Rudolph (Leiterin Betr. Gesundheismanagement), Dr. Martin Siess und Dr. Sebastian Freytag (beide Vorstand UMG).

WM-Triumph 2014

Musterbeispiel dafür ist für Hermann der WM-Triumph in Brasilien, noch mehr aber der Confed-Cup-Sieg 2017 mit einer jungen, unerfahrenen aber enorm teamorientierten Mannschaft. „Sie sind ohne Aufforderung gesprintet, nur um beim Trainingstor-Tragen anzufassen.“ Außergewöhnlich sei so etwas, sagt Psychologe und Motivationscoach Hermann. 

Und: Die Spieler hatten ein gemeinsames Ziel. Sie wollten den Titel. Leistungssportler setzen sich stets ambitionierte Ziele. Mitarbeiter in Betrieben tun das nicht immer.

Führungskräfte aber können zur Motivation beitragen, Inspiration geben. Das muss laut Hermann nicht nur über die straffe Zielvorgabe geschehen. Hilfreich ist besonders, Zugang zu Mitarbeitern zu finden, ein offenes Ohr zu haben, eine persönliche Ansprache zu entwickeln. Das zeichne eine „gesunde Führung“ aus.

Selbstgespräche

Helfen kann aber auch die Selbsthilfe: Hermann, der für den Österreichischen Skiverband (ÖSV) arbeitete, nennt exemplarisch den Rennläufer Manfred Pranger, der sich kurz vor dem Start im Selbstgespräch unfassbar motivieren konnte, sich neurologisch programmierte.

Jürgen Klinsmann lieferte als Trainer und Motivator, zwei Jahre den Input. Er lebte den Willen vor, sich täglich verbessern zu wollen, wie Hermann sagt. Das habe ihm viel Kraft gekostet, aber er hat viele mitgerissen. 

Die Beteiligten am Projekt Nationalmannschaft glaubten, dort genau richtig zu sein. Im Sinne des Konstruktivismus entstand bei ihnen das Abbild einer erfolgreichen (Fußball)Welt im Kopf.

Erfolg aus Misserfolg

Nachfolger Jogi Löw, trieb den Spielern den Egoismus aus, gab der Nationalmannschaft eine neue Struktur und Taktik, den Spielern vor allem einen Vertrauensvorschuss. 

So entstand Selbstsicherheit, Kreativität, die im 7:1-Sieg gegen Brasilien gipfelte, gegen ein Team das, gemessen an objetiven Spieldaten nicht schlechter war, aber unterging – gegen eine gnadenlos effektive Löw-Elf mit Spielern, die einen enormen Glauben an sich selbst, an das Team besaßen. 

Die Stressresistenz holten sie sich auch durch eine Schmach – ein Lern-Erlebnis: das 4:4 gegen Schweden 2012, nach 4:0-Führung. Die schnelle 4:0-Führung gegen Brasilien bei der WM gab die Mannschaft nicht mehr her.

Enorm wichtig für Führungskräfte sei es letztlich zu inspirieren und nicht nach Schuldigen zu suchen, sondern aus Fehlern zu lernen, diese künftig zu vermeiden.

Trainer Ralf Rangnick stärkt das Teambuilding nicht durch die individuelle Fehlerkritik, sondern indem er die Spieler rügt, die es unterlassen, den Spielern zu helfen, die Fehler gemacht haben. So einfach ist das. So einfach kann es für Führungskräfte sein – auch in der Spitzenmedizin der Göttinger Uni-Klinik.

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